Von Michael Jungblut

Technischer Fortschritt und Strukturwandel lassen Jahr für Jahr Zehntausende von Arbeitsplätzen in alten Industrien verschwinden und gleichzeitig zahlreiche neue Tätigkeiten entstehen. Durch ein „Arbeitsförderungsgesetz“ will die Bundesregierung jetzt endlich die Konsequenzen aus dieser Entwicklung ziehen. Berufsberatung und Berufsforschung, Fortbildung und Umschulung sollen energisch gefördert werden. „Rebellion der Überflüssigen – die ungeplante Zukunft der Berufe“ heißt ein Buch des ZEIT-Redakteurs Michael Jungblut, in dem Ursachen und Folgen der Veränderungen am Arbeitsmarkt untersucht werden und das die Frage zu beantworten sucht: „Wo arbeiten wir morgen?“ Es erscheint in diesen Tagen im Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach. Als Vorabdruck veröffentlichen wir daraus das Kapitel „Berufe und Jobs“.

Der mißratene Sohn, der sich nicht in die Familientradition einfügen wollte und mit wechselndem Glück mal dieser, mal jener Beschäftigung nachging und deshalb im vorigen Jahrhundert aus Angst vor der Schande von seinem strengen Vater mit einer Fahrkarte nach Amerika versehen wurde – heute hätte er seine Chance. Einen Beruf als Lebensberuf wird in Zukunft nur noch eine relativ kleine Gruppe von Erwerbstätigen haben. Auch sie werden nicht in einer Oase der Beschaulichkeit leben und die Technik, die enge Verpflechtung unserer Wirtschaft mit dem Weltmarkt oder die schwankenden Wünsche der Konsumenten einfach ignorieren können, aber sie werden eine fest umrissene Lebensaufgabe behalten.

Für alle anderen wird es aber immer schwerer werden, ihren Berufsweg in eingefahrenen Gleisen zurückzulegen. „Früher war die Berufswahl im allgemeinen unproblematisch. Der junge Mensch wurde in der Regel in einen sich selbst ergänzenden und in sich abgeschlossenen Berufsstand hineingeboren. Ein Beruf wurde bereits von den Eltern ererbt und war dadurch bereits vorherbestimmt und gesichert. Dagegen besitzt er heute Freiheit in der Berufs- und Arbeitsplatzwahl und die vermeintlich unbegrenzte Chance des Aufstiegs in jede Position und des beliebigen Arbeitsplatzwechsels. Diese generelle Freiheit bedeutet aber zugleich einen individuellen Zwang zur Berufsentscheidung“, ist in einer 1952 veröffentlichten Untersuchung zu lesen. Heute kann man ergänzen: Die gesellschaftliche und technische Entwicklung befreit den Menschen nicht nur aus den engen traditionellen Bindungen, sondern auch von vielen monotonen, geisttötenden Tätigkeiten und dem Zwang (aber oft auch der Möglichkeit), sein Leben in dem engen Berufskreis zu verbringen, für den er sich in der Jugend entschieden hat. Aber sie zwingt ihn dafür nicht nur einmal, sondern immer von neuem, seinen beruflichen Weg zu bestimmen.

Für Millionen Menschen entsteht so eine vorher nie gekannte Freiheit. Ob dieser Gewinn in den Augen der meisten den Verlust an Sicherheit aufwiegen wird, ist allerdings fraglich. Manche Erfolge der modernen Technik sind eher dazu angetan, bei den Betroffenen einen Schock auszuüben.

In den USA kam 1966 eine Maschine auf den Markt, die jeden gelernten Werkzeugmacher in Angst und Schrecken versetzen muß. Sie kann bis zu 35 Kilogramm schwere Werkstücke ergreifen, transportieren und in einer Haltevorrichtung befestigen. Der Roboter kann Knöpfe drücken, Hebel bewegen, elektrische und akustische Signale an andere Maschinen senden sowie fertige Werkzeuge sortieren und an vorher bestimmten Stellen lagern. Neue Aufgaben kann man ihm jederzeit übertragen, denn er begreift sehr schnell. Er kann bis zu zweihundert verschiedene aufeinanderfolgende Bewegungen im Raum lernen und mit größter Präzision und einer Geschwindigkeit von einem Meter je Sekunde ausführen. Der Arbeitsablauf braucht nur einmal mit ihm durchexerziert zu werden. Genauso rasch kann der seelenlose Arbeiter das Gelernte wieder vergessen und völlig andere Aufgaben übernehmen. Gewohnheiten oder Vorurteile hemmen ihn dabei nicht. Die Kosten sind beim Kauf bekannt. Streik, höhere Löhne oder Urlaubsforderungen braucht niemand zu befürchten.

Diese Maschine – der noch viele andere, bessere und für andere Funktionen verwendbare folgen werden – ist ein Signal, das auch diejenigen aufhorchen lassen müßte, die immer noch so im Herkömmlichen verstrickt sind, daß sie die Erfahrungen der Vergangenheit stur in die Zukunft verlängern.