Von Ben Witter

In Reinbek gibt es einen Tontaubenklub, zwei Hochhäuser, immer mehr Komfortwohnungen, sanfte Hügel, zwei Beerdigungsunternehmer, und mit dem Dampfzug fährt man fünfunddreißig Minuten bis zur Zonengrenze.

Das Verlagshaus sieht aus wie der Neubau einer Fabrikationsstätte für Feinmeßgeräte. Der Pfarrer auf der Anhöhe gegenüber wünscht, daß die Dächer grün gestrichen werden.

Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt knüpft seine Weste zu, die Uhrkette strafft sich. Er trägt rote Wollsocken ohne Halter, sie sind fast vom gleichen Rot wie die Krawatte, ein leichtes Schock-Rot. Der Anzug hat vier Knopflöcher.

Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt nimmt seinen Schirm und sagt beim Hinausgehen: „Die Person liegt nicht so ganz an der Oberfläche.“ Wir gehen knapp hundert Meter am Verlag entlang. Der Wald beginnt. Ein Mann steht an einem Baum, und Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt sagt: „Beckett habe ich leider nicht verlegt.“ Er bleibt bei Beckett; dunkel und kratzend ist seine Stimme vom vielen Rauchen; er schlendert nicht, das liegt am Schirm, den er wie einen leichten Stock benutzt, er schreitet.

„Das Neue an sich interessiert mich“, höre ich; dann spricht er vom Lesen: „Ich lese eigentlich kein Buch mehr in aller Ruhe, mache es mir nicht gemütlich dabei. Aber Lyrik lese ich, vielleicht, weil sie kurz ist, nicht nur moderne, auch Eichendorff.“ Ich sage: „Sie sind sensitiv.“

Immer mehr Stellen des Weges sind mit Ziegelbruch bedeckt, ungefähr vom Rot seiner Socken und der Krawatte. Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt bückt sich und hebt eine grüne Eichel auf, steckt sie ins Knopfloch, stößt, wie um diese Geste zu verwischen, mit der Schirmspitze in einen Fliegenpilz, sagt: „Pilze habe ich gesammelt, angeln möchte ich und komme nicht dazu, ich treibe Wasserski in Korfu, reise im Winter nach St. Moritz und komme da glatt jeden Abhang hinunter, halte vier bis fünf Stunden durch, fange frühmorgens an, gegen acht.“