Die beiden Verleger Springer (60 Prozent der Anteile) und Dr. Betz (40 Prozent) sind auf Augsteins Angebot, ihm für eine bare Million Mark den Düsseldorfer Mittag zu verkaufen, nicht eingegangen. Sie haben das Blatt lieber eingestellt. Anstatt eine Million zu kassieren, opfern sie für Abwicklungskosten jetzt eine Summe, die man auf mindestens noch einmal eine Million Mark schätzen darf. Warum? Wenn nicht nur die Gründung oder der Kauf, sondern auch die Liquidation einer Zeitung Geld kostet, sollten tüchtige Geschäftsleute – dies ist anzunehmen – doch zuletzt das einstecken, was sie kriegen können. Eine runde Million! Und obendrein lag Augsteins Zusicherung vor, er sei bereit, das Material, ob Schreibmaschine oder Lastwagen, noch extra zu kaufen. Warum gingen sie darauf- nicht ein?

Man denkt unwillkürlich an ein Wort Goethes über den gestürzten Napoleon, dessen intuitive Sicherheit grandios war und dann jäh endete. Plötzlich macht Springer alles falsch. Seine Intuition verläßt ihn. Seine Sterne sinken.

Bild schrieb, der Mittag sei „für andere gestorben“. Das sollte heißen: Springer und Betz hätten das Blatt nur deshalb eingestellt, weil sie den regionalen Zeitungen mehr Luft schaffen wollten. Reiner Altruismus! Hätte der Mittag lokale Anzeigen aufgenommen, wie es die anderer. Blätter tun, dann wären die 20-Millionen-Mark-Verluste, die seine Verleger zu beklagen haben, nicht eingetreten; so die Version aus dem Springer-Hause. Und die Welt unterstrich diese These noch: Springer habe „den ‚Mittag‘ lieber eingehen lassen, als dieses Blatt durch einen Einbruch in das Anzeigengeschäft örtlicher Tageszeitungen zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu führen“.

Zu spät. Der Edelmut wird nicht mehr geglaubt – jedenfalls nicht in Düsseldorf, wo Gewerkschaftler und Studenten gegen Springer demonstrierten und wo denn auch das Wort fiel: „Enteignet ihn!“ In ähnlichen Fällen hat Springer behauptet, es seien linksintellektuelle Radikale und Kommunisten am Werk. Von dem Bundestagsabgeordneten Lenden (SPD), der auf der Düsseldorfer Kundgebung sprach, wird er dies nicht behaupten können.

Die edle Kunde, der Mittag sei „für andere gestorben“, ist doch wohl weiter nichts als Silberpapier um ein Paket, dessen zweifelhafter Inhalt sich möglicherweise aus der Geschichte des Mittag selbst erraten läßt.

Heinrich Droste hatte 1920 eine gute Idee, als er ein Blatt gründete, das der Tradition des alten bürgerlichen Verlages zu widersprechen schien. Es hieß Der Mittag und wurde vor allem an den Kiosken verkauft. Es betonte die Sport- und Theaterberichterstattung, beschäftigte sich jedoch mit allem, was die Bürger interessierte. Es war „aufgelockert“, doch solide. Es wurde zwar auf der Straße verkauft, doch ein „Boulevardblatt“ war es nicht. Als des Gründers Sohn, Dr. Manfred Droste, es an Springer und an Betz, den Verleger der Rheinischen Post verkaufte, wobei er einen langfristigen Druckvertrag erhielt, damals, Ende 1963, ist Der Mittag schon gestorben – wenn auch nicht „für andere“.

Mittag – so hieß die Zeitung jetzt, die mit dem Wörtchen Der auch ihren Charakter verlor, jetzt berichtet sie über Skandale, Mord und Totschlag, Sex und Playgirls – doch pflegte es bei alledem eine gewisse nationale Note. Die letzte Ausgabe vom 20. September zeigte ein langgelocktes Mädchen mit ultrakurzem Minirock und trug die vierspaltige Schlagzeile: „Rififi-Gangster knackten Edelstein-Tresor!“