Seit langem schon hegten die Biochemiker der Unversität Tennessee, Dr. Nathan Sloane und Dr. Sherrel C. Smith den Verdacht, daß es die Aminosäure „p-hydroxymethyl-L-phenylalanin“ (abgekürzt HP) geben müsse. Jetzt konnten sie die Existenz dieses bisher unbekannten Proteinbausteins nachweisen, wie die American Cancer Society Anfang dieser Woche bekanntgab.

Die beiden Wissenschaftler arbeiteten mit einem bestimmten Bakterientyp, dessen Ribosome (die Proteinfabriken in der Zelle) sie mit komplizierten Kunstgriffen dazu zwangen, verschiedene Stoffe herzustellen. Darunter befand sich auch die Aminosäure HP, die eine Zwischenstellung zwischen den beiden lebenswichtigen Aminosäuren Phenylalanin und Tyrosin einnimmt.

Die Biochemiker aus Tennessee untersuchen derzeit, ob HP auch in menschlichen Geweben, insbesondere in Krebsgeweben vorkommt. Bei der Chemotherapie des Krebses geht man unter anderem von der Annahme aus, daß Tumore einen besonders großen Verbrauch von bestimmten Aminosäuren haben. Deshalb versucht man Krebsmittel herzustellen, die aus Molekülen ähnlich denen dieser Aminosäuren bestehen, im Gegensatz zu ihnen aber die Zellen zerstören. Das Krebsgewebe nimmt die giftigen Substanzen mit der gleichen „Vorliebe“ auf wie jene Aminosäuren.

Aus diesem Grunde suchen viele Krebsforscher nach bislang unbekannten Aminosäuren in der Hoffnung, darunter eine zu entdecken, die nur oder nahezu ausschließlich von Krebszellen benötigt wird. Nach dem Muster dieser Substanz könnte man dann vielleicht einen wachstumshemmenden oder zerstörerischen Stoff in die Krebszellen einschmuggeln. V. G.