Von Hans Jürgen Eysenck

Psychologie wird in Deutschland und in den meisten europäischen Ländern immer noch als eine Geisteswissenschaft angesehen. Aus diesem Grunde konnte die Psychoanalyse gedeihen, deren Erfolg als wirkungsvollste Behandlungsmethode für neurotische und geistig gestörte Patienten hauptsächlich darauf beruht, daß die Ansichten Freuds nicht mit der dieses ganze Gebiet durchdringenden idealistischen Philosophie kollidierten.

In den angloamerikanischen Ländern ist die Psychologie seit langem schon eine Naturwissenschaft, in der die gleichen Prinzipien angewendet werden wie etwa in der Physik oder in der modernen Biologie, die naturwissenschaftliche Methode: Erkenntnisse müssen auf reproduzierbaren Experimentalergebnissen basieren und Theoreme empirisch beweisbar sein.

In der Psychiatrie jedoch hatte sich auch in England und Amerika diese Hinwendung zur wissenschaftlichen Methodik bis vor kurzem noch nicht vollzogen. Psychoanalytische Behandlungsmethoden, Freudsche Ideen und Theorien waren schon zu sehr etabliert. Doch neuerdings tritt auch hier eine Wandlung ein. In den letzten sechs Jahren ist eine Bewegung aufgekommen, deren erklärtes Ziel es ist, die Psychiatrie zu einer Naturwissenschaft zu machen. Mit derselben Strenge wie in den anderen Sparten der modernen Psychologie sollen auch in der Psychiatrie die Vorstellungen von psychischen Mechanismen und die Therapien gegen geistige Störungen der experimentellen Bestätigung und den Prinzipien wissenschaftlicher Schlußfolgerung unterworfen werden.

Aus dieser Bewegung entstanden neue Theorien über die Entstehung von Neurosen und weit erfolgreichere Behandlungsmethoden, als sie bislang zur Verfügung standen. Man nennt sie Verhaltenstherapie, um ihre Beziehung zum „Behaviorismus“ zu kennzeichnen, also zur wissenschaftlichen Psychologie, die sich mit Verhaltensänderungen und nicht mit einer philosophischen Betrachtung der Wunder der Psyche befaßt.

Neue Theorien kommen nur auf, wenn alte Theorien – anerkanntermaßen – fehlgeschlagen sind. Psychoanalytische Theorien sind widersprüchlich, labil, experimentell nicht zu beweisen und in einem solchen Maß verworren, daß verschiedene Gelehrte die heiligen Bücher ganz verschieden interpretiert haben. Immerhin, da gesagt werden konnte, daß die Psychoanalyse als eine Therapiemethode Heilungen produzierte und keine Alternative gegeben war, hatten die Psychiater kaum eine andere Wahl, als das Beste aus einer schlechten Sache zu machen.

Seit dem Krieg wurde es jedoch immer deutlicher, daß psychoanalytische Behandlungsmethoden keine Heilungen hervorriefen: Als man psychoanalytisch behandelte Patientengruppen mit anderen gleichartigen Patientengruppen verglich, die keine psychiatrische Behandlung erhalten hatten, waren die Genesungsraten um kein Jota verschieden.