Von Alfred Hentzen

Im Jahre 1909 forderte der italienische Dichter Marinetti im „Ersten Futuristischen Manifest“, alle Museen (und Bibliotheken) zu verbrennen, weil in ihnen die Geschichte die lebendige Gegenwart bevormunde. Sie schienen ihm ein Hemmschuh für eine gesunde Entwicklung in eine glückliche Zukunft mit einer neuen, lebendigen Kultur. Aus der Sicht einer so radikalen und provokatorischen Forderung, die sich teils als Reaktion auf eine Überbewertung des Historischen im 19. Jahrhundert, teils auch aus der besonderen Situation Italiens um die Jahrhundertwende erklärt, würde jede Werbung für das Museum sinnlos, ja gefährlich erscheinen.

Wir neigen im Gegenteil zu dem Glauben, daß die Kenntnis der Voraussetzungen, aus denen unsere heutige Zivilisation, unsere heutige Kultur und schließlich wir selbst erwachsen sind, lebensnotwendig ist, daß eine lebendige Kultur nur auf dem Grunde einer lebendigen Überlieferung wächst. Und deshalb glauben wir an die Notwendigkeit des Museums und auch daran, daß es sich lohnt, durch Werbung die Aufmerksamkeit breiterer Kreise auf diese Einrichtung zu lenken.

Kenntnis und Erkenntnis kann man aus verschiedenen Quellen gewinnen: aus Gehörtem (in Vorlesungen und Vorträgen), aus Gelesenem (in Archiven und Bibliotheken) und durch Anschauung. Die Anschauung zu vermitteln ist die Aufgabe der Museen. Die Wissensvermittlung durch das Wort wird dadurch natürlich nicht überflüssig, sie wird auch im Museum praktiziert, durch die Beschriftung der Ausstellungsstücke, durch die gedruckten Führer und Kataloge, durch das gesprochene Wort der Vorträge und Führungen. Aber die Anschauung, die unmittelbare Begegnung mit dem originalen Dokument der Naturgeschichte, der Technik, der Geschichte oder der Kunst ist die besondere und durch nichts zu ersetzende Möglichkeit, die das Museum bietet.

Nur wer Museen besucht, weiß von den glücklichen Momenten und Sensationen, die man erleben kann, wenn man etwa der Versteinerung eines Lebewesens begegnet, das vor Jahrmillionen gelebt hat und uns eine neue Einsicht in die Entwicklung des Lebens auf der Erde vermittelt. Oder wenn man dem ersten Automobil gegenübertritt und daneben – Stufe um Stufe – dem langsamen Formwandel durch technische Verbesserungen, die menschlicher Erfindergeist entwickelt hat, bis zu den neuesten Modellen. Welche Bereicherung erfährt unser Weltbild durch die Konfrontierung mit den magischen Tanzmasken primitiver Völker, die heute noch benutzt werden, oder durch die Jahrtausende alten Zeugnisse der wunderbaren Kunst der ältesten Hochkulturen an Nil und Euphrat.

Solche Erlebnisse hat man zwar nur in den großen Museen der großen Städte, aber wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. In der Fülle der Heimatmuseen (von denen in der Bundesrepublik rund 620 existieren) erfahren wir in lokalem Rahmen unendlich vieles, Schönes und Wissenswertes über Lebensformen, Kunst- und Gewerbefleiß unserer Vorfahren. Das sind nur ein paar Beispiele aus der unübersehbaren Fülle, und die Museen für abendländische Kunst, in der sich der Geist unserer Kultur von der griechischen Antike bis in die Gegenwart wie in einem Kristall spiegelt, erwähne ich nur zum Schluß, weil viele Menschen ohnehin zuerst an diese denken, wenn von Museen die Rede ist.

Friedrich Schinkel, der Baumeister des Alten Museums in Berlin, hat gefordert, ein Museum müsse erst erfreuen, dann belehren, und in Ostberlin, wo man Schinkels Meisterwerk jetzt äußerlich wiederhergestellt hat, benutzt man mit Recht diesen Satz zur Museumswerbung. Er gilt auch für uns. Museen wollen in der Tat nicht nur belehren, wir alle sind bemüht, die Ausstellungsräume so angenehm wie möglich zu gestalten, die Sammlungen darin so schön und so übersichtlich wie möglich auszubreiten, damit der ästhetische Genuß und der geistige Gewinn Hand in Hand gehen. Das mag in verschiedenen Museen verschieden gut gelungen sein, aber die immer noch unter den Nichtbesuchern verbreitete Vorstellung, die „museal“ mit verstaubt und rückständig gleichsetzt, hat mit der heutigen Wirklichkeit nichts zu tun. Darum gerade auch ist Werbung notwendig, damit mehr Menschen sich durch Augenschein davon überzeugen.