Von Horst Krüger

Paestum – das Wort allein löst bei uns so etwas wie fromme Schauer aus. War man in Florenz, in Rimini, in Rom auf Urlaub: schön und gut; das hat seine Richtigkeit. Bei Paestum schlagen andere Saiten des Herzens an. Im Grunde unserer deutschen Seele muß doch etwas sehr Griechisches und uralt Antikes liegen. Wer „Paestum“ sagt, hat bei seinem Partner mit einem leisen Stöhnen zu rechnen. Die Stimme hebt sich, die Augenbraue auch, ein schwärmerischer Glanz tritt in die Augen: „Mein Gott, in Paestum sind Sie gewesen, den Göttern so nahe?“

Man assoziiert so vieles bei Paestum: Heiliges Hellas, antikische Heiterkeit über Tempeln, die strahlende Sonne am Meer, Pans Flöte im Wind und die vielen schwarzen Kühe Kampaniens. So wirken Winckelmann, Hölderlin, Goethe doch in uns fort. So zahlt sich eine frühe und lustlose Gymnasiastenzeit in Berlin-Zehlendorf doch schließlich aus. Seit Jahrtausenden sind die Germanen gen Süden gezogen: ein dunkler Drang. Seit Jahrzehnten ziehen die bundesdeutschen Touristen gen Süden, und manche kommen tatsächlich bis Paestum. Das ist, wie man so sagt, nicht ganz ohne Folgen geblieben für diesen Ort. Paestum ist fest in deutscher Hand.

Doch nicht davon will ich berichten. Es ist müßig, über den Einfall der Deutschen in Paestum Klage zu führen. Man gehört ja selber dazu. Ich möchte erzählen, wie es ist, wenn man in Paestum sich plötzlich wieder zu Hause fühlt, woran man’s erkennt, nun als Bundesdeutscher wieder unter Bundesdeutschen zu sein. Es sind eigentlich sehr menschenfreundliche Vorzeichen. Am Mittelmeerstrand steht ein großes, ernst vermahnendes Schild: „Achtung, Baden auf eigene Gefahr! – Die Direktion.“ Die Leitung des Strandhotels ein deutsches Haus, wie es sich in Paestum versteht, ersucht die Gäste höflich, das Gebäude nicht mit meerfeuchten Füßen zu betreten. Tatsächlich sind Wasch- und Bürst- und Trockengeräte für deutsche Füße sehr korrekt und verläßlich in einem Strandhäuschen deponiert. Es wird gebeten, zum Reinigen der Teerflecken das Benzinfläschchen zu benutzen. Es wird gebeten, so steht geschrieben, das Fläschchen nach Benutzung sorgfältig zu verschließen – der Feuergefahr wegen. Alles ist ungeheuer korrekt und vernünftig und ein bißchen tyrannisch organisiert. Es herrscht wieder Ordnung. Daran merkt man’s im Süden zuerst.

Frühstück nur von acht bis neun. Es ist ein feines, gehobenes Haus, wo sich die obere Mittellage, die gehobene Führungsschicht unserer industriellen Gesellschaft aus Essen, Düsseldorf, Wanne-Eickel trifft. Das sind die Leute, die in den Samstagsausgaben unserer Zeitungen im Inseratenteil immer so dringend gesucht werden: Persönlichkeiten – repräsentativ, initiativreich, kostenbewußt. Es herrscht eine eigentümliche Atmosphäre im Frühstückssalon. Man merkt sie natürlich nur in so harten Kontrasten des Südens, wenn zwei Dutzend Düsseldorfer sich in Paestum treffen. Über die Deutschen zu verbreiten, sie seien im Ausland laut und lärmend, ist unwahr. Im Gegenteil: Es geht hier viel stiller und steifer zu als unter Italienern, Franzosen, Amerikanern. Nur – Entschlossenheit ist am Werk. Deutsche Entschlossenheit, jetzt Urlaub, jetzt Ferien, jetzt Freizeit zu machen. Ist die Entschlossenheit nicht eine Heideggersche Kategorie? Man riecht sie im Frühstückssalon. Die Frauen tragen so entschlossene Ferienkleider: alles sehr bunt, sehr heiter und betont entspannt. Die Männer tragen weiße Schiebermützen oder grüne Sonnenschirmkäppchen, obwohl es schon seit Tagen regnet in Paestum. Auch Ferien sind eine Art von Dienst.

Wie richten sich Fabrikanten-Gattinnen aus Düsseldorf oder Duisburg ihr Urlaubsbrötchen? Das muß man gesehen, beobachtet, studiert haben. Das ist Rhein-Ruhr-Kultur und neudeutscher Wohlstand. Die buntgeblümte Dame mir gegenüber hat eine Art, sehr wählerisch, fast pikiert in den Brötchenkorb zu greifen, mit dem Messer das Brötchen sehr feierlich durchzusäbeln, um dann die Butter, die Marmelade sehr nachdenklich und gemessen aufzutragen, daß man sogleich überzeugt ist: hier erholt sich jemand wirklich, schon beim Frühstück. So bedachtsam kaute man nicht zu Hause, so kaut man nur im Urlaub, ihre Kinnladen gehen nur ganz selten, dann aber mit großer Entschiedenheit ruckartig auf und ab. Sie läßt sich beim Beißen und Schlucken deutlich Zeit. Sie schweigt ihren Mann an, der „Die Welt“ liest. Gleich wird man baden gehen.

Seit Tagen regnet und gießt es in Paestum, schwarze Gewitterwolken hängen über dem Meer. „Brutto tempo“, sagen die Italiener und schütteln sich, aber die Deutschen gehen baden – auch daran erkennt man sie. Es hat etwas Heldenhaftes, wie sie bei Sturm und Kälte plötzlich den Bademantel fallen lassen, ins Wasser steigen, sich vorsichtig den Oberkörper naß machen, sich etwas massieren, die Herzgegend besonders, und dann mit einem entschlossenen Sprung eintauchen und in kräftigen Stößen ausholen: Urlaubszeit, Ferienzeit: jetzt also ran ans Meer! Überwindung tut not. Deutsche Männer, auch wenn sie Mitte fünfzig, dick und aus Düsseldorf sind, werden sich niemals verweichlichen. Jetzt steigen sie aus dem Wasser mit Bademeistergebärden und Siegergesichtern. Man hat ihn besiegt, den inneren Schweinehund. Man ist nicht umsonst in Paestum gewesen – heute. Jetzt geht man zur Bürst- und Trockenanlage der meerfeuchten Füße wegen, zum Benzinfläschchen für die Teerflecke.