Washington, im September

Die Republikanische Partei könnte bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr durchaus siegen, sofern sie den richtigen Mann gegen Lyndon B. Johnson ins Feld schickt. Ihre großen Erfolge bei den Kongreßwahlen von 1966, das Auftreten neuer, zugkräftiger Politiker in den Gemeinden und Bundesstaaten, die Belastung der Demokratischen Partei durch die Auseinandersetzungen um Vietnam, der Rassenstreit und kleine Krisenzeichen in der Wirtschaft geben ihr eine einmalige Chance, das Weiße Haus zu erobern – aber dazu bedarf es auch eines überzeugenden Namens, einer Persönlichkeit, die das big city vote, die Minoritäten und den konservativen Süden gleichermaßen fasziniert und den ausschlaggebenden Stimmenbruchteil in mindestens einigen dieser Gruppen auf sich zieht, die zu einem Sieg erforderlich sind. Dieser republikanische Politiker ist noch nicht gefunden, obgleich die Zahl der Anwärter größer ist als bei vielen vorangegangenen Präsidentschaftswahlen.

Noch hat sich keiner dieser Bewerber „erklärt“ oder die Kandidatur öffentlich angemeldet, über die dann der Parteitag der Republikaner im kommenden Sommer in Miami Beach entscheiden wird. Das wird aber schon vor den ersten Vorwahlen oder primaries in New Hamsphire, dem kleinen, als Stimmungsbarometer geltenden Neuengland-Staat geschehen. Zwei Namen stehen sichtbar an der Spitze: der Gouverneur von Michigan, George Romney, und der frühere Vizepräsident Richard Nixon machen seit Monaten keinen Hehl daraus, daß sie die Nominierung anstreben. Hinter ihnen tauchen die Gesichter des Gouverneurs von Kalifornien, Ronald Reagan, des Gouverneurs von New York, Nelson Rockefeller, des Senators Charles Percy aus Illinois und zahlreiche Außenseiter auf. Keiner von ihnen erscheint stark genug, es mit Johnson aufnehmen zu können, ausgenommen vielleicht Rockefeller, der aber bei der Nominierung mit ebenso erbittertem Widerstand des konservativen rechten Flügels der Republikaner zu rechnen hätte wie Barry Goldwater vor drei Jahren ihn beim linken, liberalen Parteiflügel antraf.

George Romney, der bisher unter den Großen der Partei nur die unbedingte Unterstützung Rockefellers genießt, hatte anfänglich einen guten Start. Seine Wiederwahl zum Gouverneur mit großer Stimmenmehrheit, seine pietistische Redlichkeit (er ist Mormone), seine früheren Erfolge als Geschäftsmann in der Autobranche und sein Anstrich von Überparteilichkeit lassen ihn den Gemäßigten, den Liberalen und dem Mittelstand von Suburbia als attraktiv erscheinen. Doch Romney mußte sich, um nationale Statur zu gewinnen, auch mit den großen Fragen auseinandersetzen, die Amerika bewegen: dem Krieg in Südostasien, dem Feldzug gegen die Armut, dem Aufruhr in den Slums. Da erwies sich bald, daß er „in der Tiefe sehr flach“ ist; seine Haltung zu Vietnam wechselt er in zwei Jahren dreimal von der fast bedingungslosen Unterstützung des Vorgehens Johnsons bis zur offenen Opposition mit der Begründung, er sei bei einer Besichtigungsreise in Saigon von den Generalen und Diplomaten einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Robert S. McNamara entgegnete darauf: „Gouverneur Romney ist einfach außerstande, die Wahrheit zu erkennen“, und seither läuft auch das Wort um: „Romneys politische Anschauungen sind so rein, daß er sie nur alle Monate einmal zu wechseln braucht.“

Allerdings konnte Romney zeitweilig für sich buchen, trotz seiner naiven Unbefangenheit als einziger Republikaner in den Meinungsumfragen an Beliebtheit vor Johnson zu liegen, doch auch damit ist es bereits vorbei, und es hätte auch nicht ausgereicht, um Nixon den Garaus zu machen, der wiederum beim republikanischen Parteivolk an der Spitze aller denkbaren Bewerber und auch vor Romney liegt. Doch noch einmal mit „tricky Dicky“? Der an Jahren noch recht jugendliche frühere Vizepräsident wirkt irgendwie verbraucht und schal, er hat das Manko des vielfachen Verlierers in Wahlkämpfen (gegen Kennedy und Gouverneur Brown in Kalifornien) mit sich zu schleppen, er kann vielleicht die Republikaner, aber nicht die Amerikaner überzeugen. Lyndon Johnson würde ihn gern als seinen Gegner sehen, weil er sicher ist, ihn mühelos abschlachten zu können.

Die republikanische Traditionswählerschaft ist zu etwa 35 Prozent konservativ; wenn sich Romney und Nixon gegeneinander aufheben sollten, würde der rechte Parteiflügel auf Ronald Reagan zu schauen beginnen, den Ex-Filmbeiden des Rittes im Todestal. Ihm würde das Erbgut Goldwaters zufallen, das zur Zeit noch auf der Waagschale Nixons liegt; überdies hat sich Reagan als Goldjunge des sonnigen Kaliforniens mit unerwartetem Geschick etwas von seinem rechtsextremen Anhang abzusetzen begonnen und vorsichtig die Parteimitte angesteuert. Seine scharfen Stellungnahmen gegen die Krawallmacher bei den Getto-Unruhen, seine ebenso entschiedene Befürwortung eines radikalen Kriegskurses in Vietnam und seine Attraktivität bei der weiblichen Wählerschaft geben ihm ständigen Auftrieb.

Aber auch das reicht für die breite Wählerschaft nicht aus, sie will sich auf kein Experment mit Amateuren an der Staatsspitze einlassen. Die flotte politische Unbedenklichkeit im weiten Westen hat an den Gestaden des Pazifik hier und da den Zug der bunten Unwirklichkeit eines LSD-Rausches angenommen, und wenn auch die Filmbranche mit Gouverneur Reagan, mit Senator Murphy und der Kongreßanwärterin Shirley Temple-Black die politische Landschaft Amerikas erheblich bereichert hat, so will das Land doch schließlich nicht nur von „images“ regiert werden; dann ließen sich ja auch gleich Micky Maus oder Donald Duck als Kandidaten aufstellen, die stets beliebten Leinwandtiere.