Von François Bondy

Ich kann mir nicht vorstellen, weshalb Schriftsteller über ihre Meinung zu kontroversen politischen Problemen befragt werden sollen. Ihre Ansichten haben nicht mehr Gewicht als jene aller einigermaßen gebildeter Bürger. Eher scheint es, in der Masse gesehen, so zu sein, daß literarische Begabung und politischer Menschenverstand selten zusammengehen.

Diese skeptische Bemerkung stammt von keinem Geringeren als dem Dichter Wystan Hugh Auden, der bekanntlich im spanischen Bürgerkrieg und auch sonst in Werk und Tat höchst „engagiert“ gewesen ist. Ist es heute Altersweisheit mit einem Schuß Selbstironie; war es damals folglich Jugendtorheit? Sollen wir Heutigen es mit dem Auden der sechziger oder eher mit dem Auden der dreißiger Jahre halten?

Encounter hat in seinen beiden letzten Heften (September und Oktober) das Problem des Intellektuellen und der „gerechten Sache“ mit jenem Auden-Zitat zur Debatte gestellt, und nicht nur Schriftsteller, auch Historiker und Journalisten haben geantwortet, meist in unmittelbarem Zusammenhang mit dem israelisch-arabischen Krieg, der in Ost und West – am dramatischsten freilich in Ost – Intellektuelle vor Gewissensnöte gestellt und sie zu vehementen Kundgebungen gedrängt hat. Doch rücken viele, so John Osborne, dessen Antwort an der Spitze steht, den Vietnamkrieg in den Mittelpunkt.

Auch bei diesem einst „zornigen jungen Mann“ der englischen Literatur – wie lange ist ein erfolgreicher Schriftsteller „jung“, wie lange „zornig“? – besteht ein Hang zur Selbstbescheidung. Schriftsteller seien zwar oft artikulierter als andere Bürger, aber sie sollten jeweils als einzelne auftreten, nicht als Teil einer pressure group, die unmittelbaren Zugang zur Wahrheit hätte. Über den Vietnamkrieg habe Osborne selber sich noch keine rechte Meinung bilden können, denn wir leben in einer verruchten und verwickelten Welt.

Von Constantine FitzGibbon erfahren wir, daß der Ausspruch: „Recht oder Unrecht, mein Vaterland“ von Lord Byron stamme, der jedoch zur gleichen Zeit seine Bewunderung für Napoleon, seine Verachtung gegenüber Castlereagh ausgedrückt habe.

Hans Morgenthau, der amerikanische Historiker, meint, die Intellektuellen seien immerhin die einzige Gruppe, die keinem besonderen Interesse diene, sondern der Wahrheit, wie sie sie verstehen.