Die Saarfrage ist Historie geworden, schrieb Johannes Hoffmann vor vier Jahren in seinen Erinnerungen, und er verbarg nicht die Wehmut, daß Freundschaft und Aussöhnung mit Frankreich einen anderen Weg genommen hatten, als er ihn gehen wollte. Er wollte aus seiner Saar ein europäisches Modell machen; „Wiege und Sinnbild des Vereinigten Europas“, wie Robert Schuman es formulierte.

Doch das Nationale ließ sich nicht verdrängen; das Saarstatut, für das sich Johannes Hoffmann (und Konrad Adenauer) eingesetzt hatten, und das eine staatsrechtliche Autonomie mit wirtschaftlichem Anschluß an Frankreich vorsah, wurde von der Mehrheit der Saarländer im Oktober 1955 abgelehnt. „Der Dicke“ mußte von der politischen Bühne abtreten und sich von seinen Gegnern nachrufen lassen: „Die Separatisten liegen in der Gosse, und wir lassen sie darin liegen.“

Schon einmal, nach der Saarabstimmung 1935, war er der Separatist. Er hatte sich vehement gegen den Anschluß an Deutschland gewandt. Hoffmann wollte, wie er sich in seinen Erinnerungen rechtfertigt, die Saar nicht an das Deutschland Hitlers fallen lassen.

Johannes Hoffmann litt unter seiner Niederlage. Er konnte nicht verwinden, daß die Geschichte seine Handlungen nicht honorierte und ihn zu dem Mann stempelte, der 1945 den Franzosen keinen Widerstand entgegensetzte, als sie sich die Saar mit ihren reichen Kohlengruben aneignen wollten. Er galt als der willfährige Büttel des Quai d’Orsay, der mit Hilfe seiner Polizei das Volk bei der Stange hielt.

Aber war er nicht auch der Mann, der für seine Landsleute aus den Trümmern des Dritten Reiches das Mögliche herausholte, der wußte, daß ohne oder gegen Frankreich eine Politik in Saarbrücken in den ersten Nachkriegsjahren nicht gemacht werden konnte? Es war seine Tragik, daß er bei dem Spiel zwischen Paris und Bonn, als es darum ging, die Saarfrage zu lösen, überspielt wurde. Er war kein adäquater Partner Adenauers, und er fühlte sich von ihm verraten, als die CDU des Saarlandes dem ausgehandelten Saarstatut ihr Nein entgegenhielt und schließlich gemeinsam mit den anderen deutschen Parteien an der Saar über ihn das politische Todesurteil fällte.

Acht Jahre danach gab er zu, daß seine Befürchtungen, „die nationale Eigenentscheidung der Saarländer“ könnte sich störend auf das deutsch-französische Verhältnis auswirken, zu Unrecht bestanden. Er lebte fortan zurückgezogen in seinem Haus an der französischen Riviera, wo er auf Krähen schoß und als treuer Katholik vor einer selbstgemauerten Mariengrotte seine Gebete verrichtete, oder bei seinen Kindern im saarländischen Düppenweiler. Seinen Rat suchte kaum jemand mehr, seine alte Christliche Volkspartei schmolz zu einem traurigen Häuflein zusammen. Aber in seinem Grollen über soviel Undank durfte er ein Wort für sich beanspruchen, das sich in seinen Erinnerungen findet: „Niemand hat das Recht, verächtlich auf die herabzusehen, die den Anfang mit der deutsch-französischen Freundschaft machten.“

H. v. K.