Von Adolf Meizncr

Das Finale des Europacups der Leichtathleten in Kiew brachte für alle jene eine herbe Enttäuschung, die dem Kinderglauben anhängen, der Sport könne Mauern eines geschürten Mißtrauens niederlegen, den Einfluß und das Trommelfeuer der Staatspropaganda paralysieren.

Die unfreundliche Haltung der Sowjetrussen gegen die Sportler des Westens, die vom höheren Politruk bis zum kleinen Schreier auf den Rängen reichte, kam für viele der westeuropäischen Expedition, die mit einer riesigen russischen Turbopropmaschine mit 170 Plätzen anreiste, sehr überraschend. 1959 beim Länderkampf in Moskau, als Chruschtschow noch regierte, war die Atmosphäre viel angenehmer gewesen.

Die russischen Leichtathleten wurden sowohl in Augsburg beim Länderkampf, ebenso vor zwei Jahren in Stuttgart beim Europacup freundlichst empfangen, und jeder Wunsch wurde ihnen von den Augen abgelesen – und nun in Kiew auch nicht eine Spur von Gastfreundschaft! Die wenigen deutschen Schlachtenbummler erhielten die schlechtesten Plätze in der Kurve, die Journalisten kämpften stundenlang in den frühen Nachtstunden gegen die Tücken eines nicht funktionierenden Übermittlungssystems, wozu auch noch kleinliche Schikanen kamen.

Und doch erlebte ich im Stadion etwas Merkwürdiges. Hinter mir saßen einige Fanatiker, die in einen Freudentaumel gerieten, als Lehnertz, unser Stabhochspringer, fünf Meter zum dritten Male riß.

Mein Temperament und meine sportliche Erziehung ließen mich etwas scheinbar ganz Unvernünftiges tun. Ich rief diesem Haufen von Schreiern, als er sich ausgetobt hatte, zu: „Ihr seid alles, nur keine Sportsleute.“ Kein Mensch verstand mich.

Da bat ich den neben mir sitzenden polnischen Journalisten, der russisch sprach, meinen Zuruf laut zu übersetzen. Das geschah, und statt eines Wutgeheuls oder der Andeutung von Tätlichkeiten klatschte man hinter mir fortan nicht mehr höhnisch nach dem Mißgeschick eines deutschen oder französischen Athleten, und niemand pfiff hier am Schluß unsere Mannschaft aus!