Von Martin Walser

Kein Vokabular ist so verkommen wie das, das sich auf Kunst bezieht. Was da kursiert, das hätte jede andere Disziplin längst zugrunde gerichtet. Man stelle sich vor, die theoretische Physik müßte heute noch auf Begriffe aus dem Jahre 1805 bauen. Nun hat sich das führende deutsche Kunstvokabular, das aus Weimar stammende, von Anfang an als überzeitlich empfohlen. Das wurde denen auch abgenommen. Deshalb halten sich bis heute noch Einteilungen wie Kunst und Leben, Kunst und Wirklichkeit, Kunst und Natur.

Hatte man aber die Kunst einmal als Elitendomäne von allem übrigen isoliert, war es selbstverständlich, daß man dieser Kunst nicht von außen dreinreden durfte: sie schöpfte ihre Gesetze aus sich selbst. Schließlich gebrauchte man zu ihrer Erklärung (ebenso blasphemisch wie talmihaft) das Wort „schöpferisch“. Und damit hört sich eigentlich schon alles auf.

Die sentimentale und sozusagen atavistische Regression Goethes, diese Flucht aus der beginnenden bürgerlichen Geschichte nach Weimar und ins eingebildete Griechenland, hatte traurige Folgen. Aber auch sonst in Europa hat man die griechische Regel übernommen wie ein Gesetz, an dem man sich dann, so gut es ging, vorbeischwindeln mußte, weil es doch für die eigene Praxis hinten und vorn nicht taugen wollte.

Die Marxisten waren wohl die ersten, die diese Tradition untersuchten, ohne vom Tempelschreck gelähmt zu sein. Aber jene komische Einteilung hat auch der Marxismus, hat auch Brecht nicht überwunden: die Einteilung in Kunst und Leben, Kunst und Wirklichkeit, Kunst und Natur. Diese aus Idealismusland stammende Konvention pfuscht heute noch ins Handwerk.

Brecht hat zwar Stücke gemacht, die keine biederen Abbildungen mehr sind zur Erzeugung einer Illusion; seine Stücke sind schon reine Bühnenprodukte, die nur noch das Beispiel geben; was passiert, kann nur auf der Bühne passieren; alle Entscheidungen sind aus Theatermaterial gemacht, sind möglich nur auf der Bühne (sollen natürlich über die Rampe hinabzünden und dem Zuschauer heimleuchten), aber immer noch soll das Stück ein Zerr-Abbild sein, eine aufklärerische Ähnlichkeit ist beabsichtigt: So ist es, so geht es zu, aber so soll es nicht zugehen, ändert das gefälligst.

Brecht glaubte, seine Absichten nicht ohne Ikonismus erreichen zu können. Seine Verfremdung steht noch im Abbildungsdienst, der sich nährt von dem idealistischen Axiom, daß Kunst und Wirklichkeit aus verschiedenem Material seien, daß Kunst die Natur zu irgendeinem Zweck imitiere.