Lange ist in Hamburg schon nicht mehr so Theater gespielt worden: so „entfesselt“ und dabei so präzise, so „total“ und dabei doch noch in den Chargen ausgefeilt. Lange haben wir einen ähnlichen Beifall im Deutschen Schauspielhaus nicht mehr gehört wie den, der den tschechischen Gästen Pavel Kohout (Bearbeiter und Regisseur dieses „Schnellkurses in der Kunst der waffenlosen Selbstverteidigung“ nach Jaroslav Haseks Roman vom braven Soldaten Schwejk), Jan Fischer (Musik), Zybnek Kolár (Bühnenbild und Kostüme), Jiri Nemecek (Choreographie) und Valter Taub (Hauptdarsteller) dankte für einen jener Abende, nach denen die liebe alte Frage „Hat das Theater denn noch einen Sinn?“ nicht aufkommt. Valter Taub und Pavel Kohout haben, von Otto Griese befragt, anläßlich dieser Aufführung einiges gesagt, was wir in den beiden folgenden Stücken abdrucken.

Das ist ein großes Musical. Weil es sehr viele musikalische und choreographische Elemente gibt, muß viel gesungen werden – was den Schauspielern nicht ganz so leicht fällt. Deswegen wurde sechs Wochen lang gleichzeitig an drei Arbeitsplätzen probiert.

Ein Erfolg wurde es vor allem deswegen, weil Kohout nicht nur einen sehr wachen Kunstverstand hat, sondern als Regisseur auch Außerordentliches in der Kontrolle der Schauspieler leistet. Ihm entgeht nicht die geringste Kleinigkeit. Er arbeitet wie ein Computer.

Ich spiele den Schwejk besonders gern, weil ich diese ganze Gruppe der Getretenen, der Erniedrigten und Beleidigten liebe. Diese ganze Gruppe der Leporellos, Scapins, Ossips – ich meine den Ossip aus dem „Revisor“ –, und in diese Gruppe gehört, oder der König dieser Gruppe ist der Schwejk. Der Schwejk, der mit List gegen die Macht, gegen die Obrigkeit, gegen die Polizei, gegen Militärdiktatur auf seine Weise kämpft. Und er muß dabei immer die Frage offenlassen, die ihm so viele stellen: Sind Sie so blöd, oder stellen Sie sich bloß so blöd? Er muß sich bewegen auf der haarfeinen Grenze zwischen dem Trottel und dem Genie.

Diesen Schwejk hatte ich noch nie gespielt, obwohl es stets meine „Wunschrolle“ war. Aber ich habe ihn sehr oft gelesen. Der Initiator dieser Lesungen war Bertolt Brecht. Während des Krieges, als Brecht kurze Zeit in Schweden war und wir miteinander sehr befreundet waren, hatte Brecht einmal die Idee, bei einem Abend für Emigranten aus dem Schwejk lesen zu lassen. Er hat mit mir dann diese Lesung einstudiert. Sie hatte einen so großen Erfolg, daß ich mich entschloß weiterzulesen, und als es dann zum Gefangenenaustausch kam, habe ich den Schwejk nicht nur deutsch, sondern auch tschechisch, französisch, englisch und schwedisch gelesen, und ich habe gemerkt, daß das ein Thema ist, das überall ankommt.

Ich habe während der letzten Wochen in Hamburg auch Proben zu dem „Belagerungszustand“ von Camus gehabt, den ich schon im vorigen Jahr hier gespielt habe, und zwar die Rolle der Pest.

Ich bin seit dem 10. August hier in Hamburg unter Vertrag und bleibe bis Ende Dezember. Ich werde wahrscheinlich diesen Vertrag nicht verlängern können, weil mich zwei Roll en in Prag erwarten. Dort an meinem Stammtheater, dem Realistischen Theater, soll ich, natürlich tschechisch, die Hauptrolle in der neuen Komödie von Peter Ustinov spielen und dann wahrscheinlich Nathan den Weisen, auf den ich mich sehr freue.

Professor Schuh habe ich 1931 in Prag am Deutschen Theater kennengelernt – und dann durch die politischen Ereignisse wieder aus den Augen verloren. Mich trieben diese Ereignisse nach Schweden und für vierzehn Jahre in die journalistische Arbeit, also weit weg vom Theater. In dem Film „Das Haus in der Karpfengasse“ entdeckte mich Professor Schuh wieder. Als er nun also wußte, daß ich den Krieg überlebt hatte, lud er mich ein, in Hamburg zu gastieren. Daraus wurde zuerst die „Pest“, dann sollte es der Josef K. werden im „Prozeß“, und in Wirklichkeit wurde es ein anderer Josef, der Josef Schwejk. Valter Taub