Von Peter Schritt

Ein Prachtschinken, echt westfälischer Katenrauch, aus dem Hause Bertelsmann, durch Konservierungsstoff „Heimat“ unbegrenzt haltbar: das Deutschland-Buch mit Beiträgen von zahlreichen Fachgelehrten und mit mehr als 1300 zum großen Teil farbigen Photos, Karten und graphischen Darstellungen –

„Deutschland – Das Land in dem wir leben“, Porträt in Wort und Bild; Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 544 S., 45,– DM.

Selbstverständlich behandelt dieses „Hausbuch“ das „ganze Deutschland“ in den Grenzen von 1937. Gelegentlich weitergehende Grenzüberschreitungen werden durch eine historische Karte gerechtfertigt, die „den deutschen Siedlungsraum im Spätmittelalter so weit nach Osten vorverlegt wie die alldeutsche Propaganda vor dem Ersten Weltkrieg. Die Darstellung der gegenwärtigen Verhältnisse in Westpolen und in der DDR ist dabei von einem stupiden Antikommunismus diktiert, wie er immerhin aus offiziellen Bonner Verlautbarungen längst gewichen ist.

Die Textbeiträge, unter denen sich hin und wieder Einwandfreies und gelegentlich Gelungenes findet, zum Beispiel Dietrich Strothmanns kultursoziologischer Abriß, werden durch das Übergewicht an unverschämtem oder unverschämt kommentiertem Bildmaterial Lügen gestraft. In einen kurzen Abschnitt zur nachkriegsdeutschen Geschichte sind nicht weniger als zehn Aufnahmen von den „deutschen Schicksalstagen 17. Juni und 13. August“ eingeblendet. Zonengrenzbilder, Mauerszenen und Berlin-Photos durchziehen das ganze Buch und machen viele sachliche Darstellungen unglaubwürdig.

Ein Bild von einer politischen Veranstaltung aus dem Jahre 1931 zeigt Josef Goebbels und Walter Ulbricht an einem Tisch; in der Erläuterung wird dem Dokument eine „unheimliche Gegenwartsbezogenheit“ zugesprochen, und beide Politiker werden als eines Geistes Kind vorgestellt. Durch Text- und Bildmontagen werden HJ und FDJ in einen Topf geworfen. Das Massenelend der Vertreibung wird überdies so breit und blutrünstig ausgemalt, daß ihm gegenüber die faschistischen Barbareien einschließlich der Judenausrottung fast wie Bagatellfälle erscheinen müssen.

Der geographische Teil ist weniger erdkundlich als heimatkundlich konzipiert. Er beschreibt ein Deutschland, in dem die Leute alltags wie sonntags in Volkstrachten einhergehen, unter dem Dach eines Niedersachsen-, Friesen-, Pommern-, Schwarzwald- oder Niederbayernhauses wohnen und in 1. Haufendörfern, 2. Rundlingen, 3. Reihendörfern, 4. ostelbischen Angerdörfern, 5. Waldhufendörfern und 6. Marschhufendörfern „siedeln“. Die Bevölkerung gliedert sich, ihren Siedlungsformen, ihren Trachten und ihren „völkischen Eigenarten“ entsprechend, in einzelne „Volksstämme“. östlich der Elbe gibt es anscheinend überhaupt keine Deutschen mehr, sondern nur noch „Sachsen, Mecklenburger, Brandenburger, Pommern, Sorben und Wenden“. Weiter östlich schließen sich folgerichtig die „slawischen Stämme“ an und hausen dort, nicht minder folgerichtig, wie die Barbaren: „Nicht die Ungarn-, Mongolen- und Hussiteneinbrüche, nicht das Faustrecht und die Pestilenzen des späten Mittelalters hatten eine solche Wirrnis verursacht“ wie Russen und Polen im Jahre 1945.