„Le conflit israélo–arabe“, Sondernummer von „Les Temps Modernes“, Herausgeber Jean-Paul Sartre, Paris, Juni 1966, 991 Seiten

Zehn Tage, bevor die Israelis ihren siegreichen „Blitzkrieg“ starteten, setzte Jean-Paul Sartre unter das Sonderheft seiner Zeitschrift „Les Temps Modernes“ den Schlußpunkt: „Ich kann nicht länger warten, ohne das Erscheinen der Nummer beträchtlich zu verzögern“, schreibt er in seinem Vorwort, und er fügt hinzu, auch die Tatsache eines plötzlichen Aufflammens im Mittleren Orient müsse er nun ignorieren.

Nun – die Flammen ließen nicht lange auf sich warten. Aber sie haben die mühevolle Arbeit des Sartreschen Redaktionsstabes nicht zunichte gemacht. Wer immer sich über die psychologischen und soziologischen Probleme informieren will, die einer Lösung des israelisch-arabischen Konflikts im Wege stehen, wird zu Sartres Kompendium greifen müssen. Er wird dann allerdings auch – wie Sartre – resignierend feststellen müssen, daß die Zeit für einen Dialog zwischen Arabern und Israelis noch nicht reif ist. Das Heft, das ausschließlich aus Beiträgen von Israelis und Arabern besteht, zeigt schon in seiner äußeren Form: Hier werden nicht Probleme und Fragen gestellt, auf die die Parteien wechselseitig antworten. Hier präsentieren die Streitenden ihre Standpunkte „les points de vue arabes“ (Seite 91 bis 359), „les points de vue israeliens“ (Seite 371 bis 925).

Es war für Sartre und seine Mitarbeiter nicht leicht, die Autoren zum Schreiben zu bringen. Veto der einen, als jener zum Schreiben eingeladen wurde; Veto der anderen, als auch dieser... Schließlich, nach fast zwei Jahren hatte Sartre die Aufsätze der Kontrahenten endlich in einem Heft versammelt. „Araber und Israelis haben hier nichts anderes als Nachbarschaft in ihrer äußerlichen Form akzeptiert“, schreibt Sartre und übt in der Folge strikte Nichteinmischung.

Das Ergebnis einer ersten, knappen Analyse der Beiträge ist nicht ermutigend: Araber und Israelis monologisieren vor sich hin. Sie verlangen, bevor sie sich zu einem Gespräch untereinander bereit finden, daß der eine die unabdingbaren Voraussetzungen des anderen akzeptiere: Anerkennung der Existenz Israels fordern die einen, Anerkennung des Rechts der Flüchtlinge auf Rückkehr die anderen.

Dennoch gibt es auch einen schwachen Hoffnungsschimmer: Die arabische und die israelische intellektuelle Linke – beide in ihren Ländern allerdings in schwachen Positionen – bieten Ansatzpunkte für eine Verständigung.

„Wenn die israelische Linke beweisen kann, daß sie nicht nur einen Klassenkampf führt, sondern auch für das Recht der Flüchtlinge auf Rückkehr kämpft, für ein Übereinkommen mit Ägypten, für eine Eingliederung Israels in die afrikanisch-asiatische Welt entgegen westlichem Einfluß, bestärkt sie unbestreitbar das Vertrauen der Ägypter gegenüber Israel“, erklärte Sartre in einem Interview mit einer Schweizer Zeitschrift, ein erstes Fazit aus den 42 Artikeln seiner israelischen und arabischen Autoren ziehend, und er fügte hinzu: „Ich gehöre nicht zu jenen, die der Meinung sind, daß der arabisch-israelische Konflikt durch das Eingreifen der Großmächte gelöst werden kann. Man kann sich nicht auf ein sowjetisch-amerikanisches Übereinkommen verlassen, sondern nur auf ein israelisch-arabisches. Wir können im Interesse der Sache nur eins tun: die linksgerichteten Kräfte nicht zu diskriminieren, weder da noch dort, und beiden Vertrauen erweisen.“