Ein Frankfurter Bankier kann es nicht fassen: „Die Amerikaner sind ja irrsinnig geworden, wenn sie tatsächlich 800 Prozent bieten sollten.“ Das war seine einzige Reaktion auf die Frage, ob der amerikanische Chemiekonzern Celanese Corporation of America für die Aktien der Süddeutschen Chemiefaser AG in Kelheim/Donau ein Abfindungsangebot in dieser Höhe an die 36 süddeutschen Textilunternehmen abgegeben habe, die zusammen mit der Bayerischen Vereinsbank und der zur Allianz-Gruppe gehörigen Bayerischen Versicherungsbank die 12 Millionen Mark Kapital des Chemiefaserunternehmens in ihren Händen halten.

Innerhalb weniger Monate greifen nun schon zum dritten Male potente amerikanische Firmen nach großen deutschen Unternehmen. Kaum hatten die Farbwerke Hoechst gegen die Konkurrenz des amerikanischen Reichhold-Konzerns die Hamburger Reichhold Chemie in ihren und damit weiterhin deutschen Besitz gebracht, da ging die Nachricht durch die Presse, daß einer der größten amerikanischen Elektrokonzerne, die International Telephon and Telegraph Corp. – ITT – die Frankfurter Alfred Teves GmbH, einen der führenden europäischen Scheibenbremsenproduzenten aufgekauft habe.

Der Kaufpreis wurde nicht bekannt, aber einen Anhaltspunkt gibt es: Teves hat in den letzten sechs Jahren nicht weniger als rund 200 Millionen Mark ohne Aufnahme von Fremdmitteln investiert. Das deutet auf eine gute Ertragskraft des Unternehmens und damit auf einen hohen Kaufpreis hin, den ITT auf den Tisch legen mußte.

In dieses Bild paßt auch das Angebot der Celanese für die Süddeutsche Chemiefaser AG, die 1935 von 48 süddeutschen Textilunternehmen gegründet wurde. Heute sind von ihnen noch 36 an der Firma beteiligt. 30 Prozent der Aktien hat die Bayerische Vereinsbank, 10 Prozent die Bayerische Versicherungsbank. 9,7 Millionen Mark des Kapitals besteht aus vinkulierten Namensaktien, die nur mit Zustimmung der Gesellschaftsorgane in fremden Besitz übergehen können. Von diesen 9,7 Millionen liegen jedoch 4,9 Millionen, also mehr als die Hälfte, bei den 36 Textilunternehmen, so daß ein Kauf dieser Aktien der Celanese bereits einen maßgeblichen Einfluß in dem Unternehmen einräumen würde, das 1966 knapp 150 Millionen Mark umsetzte. Damit aber hätte die Celanese einen breiten Spalt der Tür geöffnet, die in den Gemeinsamen Markt führt. Allerdings sind die amerikanischen Bedingungen vorerst nur in Gesprächen genannt worden, ein schriftliches Angebot liegt noch nicht auf dem Tisch.

In der deutschen Chemiefaserindustrie hat die amerikanische Aktivität großes Unbehagen ausgelöst. Der Markt ist ohnehin scharf umkämpft. Neben den dreizehn nominell deutschen Chemiefaserherstellern tummelt sich eine ganze Reihe ausländischer Konkurrenten auf dem deutschen Markt. Bei Unna baut der größte Chemiekonzern der Welt. – DuPont – ein Werk, in östringen bei Heidelberg hat sich Europas größtes Chemieunternehmen, die englische Imperial Chemical Industries, angesiedelt. Die Importe von Chemiefasern haben sich von rund 75 000 Tonnen im Jahre 1960 auf 158 000 Tonnen im vergangenen Jahr erhöht. Gemessen am Inlandsverbrauch stiegen sie von 25 auf 42 Prozent.

Aber auch von den deutschen Chemiefaserproduzenten arbeiten drei der bedeutendsten Unternehmen mit starker ausländischer Beteiligung. Die Kölner Glanzstoff GmbH befindet sich im Mehrheitsbesitz der holländischen AKU, die Deutsche Rhodiaceta AG ist eine französische Tochtergesellschaft und an den Faserwerken Hüls GmbH ist die amerikanische Eastman Kodak mit 50 Prozent beteiligt.

Es kann also nicht überraschen, daß sich die deutschen Chemiefaserproduzenten Sorgen machen, daß mit der Celanese möglicherweise ein weiterer starker Konkurrent aus dem Ausland in das harte Chemiefasergeschäft drängt.