Mannheim

Ein bärtiger Killer mit Colt und Messer in den Händen beherrscht die Szene; Wildwest in Mannheim. Unter dem Blickfang der Kinoreklame ist es geschehen. Ein amerikanischer Soldat, ein Gastarbeiter und ein Pfälzer haben sich wegen eines Mädchens die Köpfe eingeschlagen. Ein paar Zähne, eine Portion Blut blieben auf der Strecke. Verhaftung, Anzeige, Gefängnis, Zwangsarbeit oder ... Freispruch. Das gehört zum Alltag in vielen amerikanischen Garnisonsstädten der Bundesrepublik. Allein in Baden-Württemberg sind in diesem Jahr schon an die zweitausend Übergriffe von wildwestlichen Alliierten bekanntgeworden. Die Erregung in der Bevölkerung wächst.

Rudolf Schieler, der junge, resolute Justizminister in Stuttgart, hat deshalb zur Feder gegriffen und den obersten amerikanischen Militärrichter des Landes, Oberst Forinash, um Abhilfe gebeten. Die Militärgerichte sollen sich um eine schnelle Aufklärung und Verurteilung der Straftaten bemühen, schrieb er. „Wenn allein in Mannheim in einem Monat 115 Anzeigen gegen Amerikaner eingegangen sind, ist das zuviel“, sagte er. Auf seine Veranlassung sind über 25 Fälle deutschen Gerichten übergeben worden. Es wurde einfach der Verzicht auf die Verfolgung durch die deutsche Justiz widerrufen. Wenn ein und derselbe amerikanische Soldat innerhalb eines halben Jahres in Karlsruhe zweimal Mordversuche an Frauen unternehmen kann, dann ist etwas nicht in Ordnung.

In jeder Woche findet man in den Zeitungen neue Schreckensmeldungen. „Von vier Amerikanern überfallen“, las man in Heilbronn. „Fünf Amerikaner fesseln Deutschen“, berichtete die Korawestheimer Zeitung. „Amerikaner überfällt Juwelier“, berichteten die Stuttgarter. „Taxifahrer ausgeraubt“, schrieben die Mannheimer, „Frau vergewaltigt“ die Karlsruher. In der badischen Residenz weigerten sich die Taxifahrer sogar eine Zeitlang, amerikanische Soldaten zu befördern.

Die Taxifahrer scheinen überhaupt am meisten in Gefahr zu sein. „Ich habe immer Pfeffer in der Tasche“, berichtete ein Mannheimer. In Heilbronn bekam ein Taxifahrer kurz vor der Kaserne eine Bierflasche auf den Kopf. Nur die Flueht in einen gerade haltenden Omnibus bewahrte ihn vor Schlimmerem. Einen der Verfolger konnte der Busfahrer in der automatisch schließenden Türe einklemmen, bis die Polizei kam. Auch die farbigen Amerikaner in Zivil, die in Ludwigsburg einen kriegsbeschädigten Taxifahrer verprügelt haben, konnten von anderen Taxifahrern und Polizisten eingefangen werden. Genauso in Karlsruhe, wo fünf Soldaten einfach das Auto demoliert haben, nur weil sie der Fahrer nicht alle in einer Fuhre mitnehmen wollte.

Zu viert oder fünft fühlen sich die Amerikaner offensichtlich besonders stark. So hielt vor kurzem ein Quintett in Zivil außerhalb von Stuttgart am späten Abend ein deutsches Auto aus Leonberg an, überwältigte den vierundzwanzigjährigen Fahrer, raubte ihm Geldbeutel und Armbanduhr, band ihn an den nächsten Baum und fuhr mit seinem Volkswagen davon. In der Manier von Wegelagerern nahmen in derselben Nacht drei andere Amerikaner im benachbarten Kornwestheim einem Jugendlichen das Kofferradio ab. Keiner der Banditen konnte bis jetzt geschnappt werden. Einige von ihnen sollen angeblich desertiert sein.

Die Angst vor dem Einsatz in Vietnam läßt nach der Auskunft amerikanischer Dienststellen zur Zeit besonders viele junge Soldaten zu Landstreichern in der Bundesrepublik, Holland und Belgien werden. Sie wissen, daß ihre Zeit in den deutschen Garnisonen verhältnismäßig kurz bemessen ist. Sie verdienen zuviel, um immer gesittet im Schatten der Kaserne zu bleiben. Sie haben aber auch wieder zuwenig Geld, um sich Eskapaden leisten zu können. Deshalb der Einbruch in ein Stuttgarter Juweliergeschäft, deshalb die Zechprellerei in Mannheim, deshalb der Überfall auf eine Kellnerin in Karlsruhe.