Bolivien will beweisen, daß ein bereits Totgesagter lebt: Ernesto „Che“ Guevara, einst Intimus und Industrieminister des kubanischen Diktators Fidel Castro, seit März 1965 verschollen. Es wurde schon behauptet, Guevara sei von Castro liquidiert worden. Andere Gerüchte besagen, er sei im April 1965 während des Bürgerkriegs in der Dominikanischen Republik umgekommen.

Dokumente, die das Gegenteil bezeugen könnten, präsentierte der bolivianische Außenminister und Namensvetter des Vermißten, Walter Guevara Arze, auf der Außenministerkonferenz der „Organisation amerikanischer Staaten“ (OAS), die vorige Woche in Washington tagte. Bolivianische Truppen hatten die „Beweise“ – Briefe, Pässe, Diapositive – im Urwald erbeutet, wo „Guerilleros“ – angeblich unter Guevaras Anleitung – seit Monaten einen Kleinkrieg gegen das Regime des Präsidenten René Barrientos führen.

Unter falschem Namen, mit Brille und glattrasiert soll der einst bärtige Kubaner mit Hilfe eines gefälschten uruguayanischen Passes vor eineinhalb Jahren in den Andenstaat gelangt sein. Der französische Journalist und Castro-Verehrer Régis Debray will ihn noch gesprochen haben, bevor er vor fünf Monaten wegen Kollaboration mit den Rebellen verhaftet wurde. Die bolivianische Regierung setzte eine Kopfprämie aus – 17 000 Mark für Guevara, „tot oder lebendig, vorzugsweise lebendig“.

Guevara gilt als Inspirator und Idol einer Guerillabewegung, die an den Erfolg der vorsichtigen sowjetischen Volksfrontpolitik in Lateinamerika schon lange nicht mehr glaubt. Sie will – von Kuba lebhaft unterstützt – die politischen und sozialen Probleme des Subkontinents durch Umsturz lösen. Im April publizierte Havanna einen Artikel, der für Lateinamerika „zwei oder drei Vietnams“ forderte. Angeblicher Autor: Guevara. Auch die Konferenz der Organisation für lateinamerikanische Solidarität (OLAS), eine gegen Washington gerichtete Schöpfung Castros, befand, noch im August, Lateinamerika müsse den Weg der „kontinentalen Revolution“ gehen.

Aufstände beunruhigen heute die „anden regimes“ in Nicaragua, Guatemala, Venezuela, Kolumbien, Bolivien und Peru (vgl. Karte). US-Spezialtruppen („Grünmützen“) bilden in verschiedenen Ländern die Regierungstruppen im Kampf gegen die Rebellen aus. Trotz verschiedener Erfolge in Bolivien, Nicaragua und Venezuela aber gingen die castristischen Umtriebe weiter. Venezuela rief schließlich die von den USA protegierte Organisation Amerikanischer Staaten zu gemeinsamen Aktionen gegen Kuba auf.

In einer Rede vor den 21 Außenministern der OAS verglich Präsident Johnson vorige Woche die „gewalttätige Form der von Havanna betriebenen Subversion“ in Lateinamerika mit der „Aggression Nordvietnams gegen Südvietnam“. Trotz starker Worte konnten sich die Minister aber nicht für den Antrag Argentiniens erwärmen, der ein militärisches Vorgehen gegen Kuba empfohlen hatte.

Zwanzig Staaten staunten für die Schlußresolution, die Castros revolutionäre Autorität in Lateinamerika verurteilt. Man einigte sich auf eine Politik der Isolierung und des wirtschaftlichen Boykotts: Die OAS-Staaten sollen Schiffen, die im Handel mit der Zuckerinsel eingesetzt sind, das Auftanken und staatlich finanzierte Frachten verweigern. Alle nichtkommunistischen Länder wurden aufgefordert, ihren Handel mit Kuba einzuschränken – eine Aufforderung, die sich vor allem an Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada und Spanien richtet.

Es ist mehr als fraglich, ob auch nur eine der empfohlenen Sanktionen Fidel Castro dazu zwingen wird, seine revolutionären Umtriebe einzustellen. Die Lebensfähigkeit der Zuckerinsel wurde bisher gegen alle Boykottdrohungen mit sowjetischer Hilfe erhalten – im Wert von vier Millionen Mark täglich. Und schon vor dem OAS-Treffen hatte Moskau erklärt, es werde Kuba weiterhin „jede Unterstützung“ angedeihen lassen.