Rio de Janeiro ist seit dem 29. September um eine Attraktion reicher geworden – zumindest für diejenigen Zeitgenossen, die sich ihren Sinn für Schauplätze großer weltpolitischer Ereignisse bewahrt haben. Mit Rio wird sich künftig nicht nur die Vorstellung vom Zuckerhut, sondern auch der Gedanke an die Entschließung verbinden, die am vergangenen Wochenende auf der Jahresversammlung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank gefaßt worden ist. Es handelt sich um eine Entschließung über das internationale Währungssystem, die in ihrer Bedeutung für den Handel der westlichen Welt und damit letzten Endes für das Wohlergehen von über hundert Nationen kaum überschätzt werden kann.

Auf eine kurze, einfache Formel gebracht, ist in Rio de Janeiro Vorsorge für den Fall getroffen worden, daß die internationale Liquidität, daß heißt der Vorrat an Gold und Dollars, nicht ausreichen sollte, um den Handel zwischen den Nationen der westlichen Welt zu finanzieren. So sehr man wünschen möchte, daß dieser Fall gar nicht erst eintritt, so sehr Wissenschaftler und Praktiker darüber streiten mögen, ob dieser Fall überhaupt eintreten kann (solange jede einzelne Nation nicht fortwährend über ihre Verhältnisse lebt), so wenig wird man die Möglichkeit völlig ausschließen können, daß sich der Rückgriff auf zusätzliche Währungsreserven zur Abwendung einer währungspolitischen Katastrophe in Zukunft als notwendig erweisen wird.

In Rio hat man sich mit überraschender Einmütigkeit auf die Schaffung einer solchen zusätzlichen Währung (sreserve) für den Fall des (Not)falles geeinigt. Sie wird vom Jahre 1970 an ebenbürtig neben die bisherigen Reservemittel des Goldes und des Dollars treten – in der Form sogenannter Sonderziehungsrechte auf den Internationalen Währungsfonds. Im Prinzip handelt es sich um einen zusätzlichen Kredit, der (fast) so gut wie Gold ist. Daß damit nicht Schindluder getrieben wird, daß hieraus nicht eine Quelle der Inflation werde, dafür soll ein Plan sorgen, der im einzelnen noch auszuarbeiten sein wird. Und ein Abstimmungsmodus, der den EWG-Ländern ein Vetorecht verleiht. Die letzte Sicherheit gegen eine mißbräuchliche Ausnutzung des neuen Papiergoldes, das die neuen Ziehungsrechte bei Lichte darstellen, kann jedoch nur die währungspolitische Disziplin der beteiligten Länder bieten.

„Wir alle kennen die Möglichkeiten ebenso wie die Gefahren und Versuchungen, die solchen Mechanismen innewohnen“, bekannte Bundeswirtschaftsminister Schiller in Rio freimütig und er verband damit eine Verpflichtung, an die man ihn – und seine Kollegen vom Internationalen Währungsfonds – hoffentlich nie zu erinnern haben wird: „Wir müssen dafür sorgen, daß von dem neuen Instrument ein weiser Gebrauch gemacht wird.“

Willi Bongard