Alfred A. Häsler: Das Boot ist voll... Die Schweiz und die Flüchtlinge 1933–1945. Fretz & Wasmuth Verlag Zürich/Stuttgart; 364 Seiten, 17,80 DM.

Wir lesen: „Im Herbst 1941 ersuchte die in Freiburg im Breisgau wohnhafte deutsche Jüdin Jeannette W. den Basler Anwalt, für sich und ihr christliches Adoptivkind ein Einreisevisum nach der Schweiz oder irgendeinem anderen Land zu beschaffen ... Später traf jedoch von der Eidgenössischen Fremdenpolizei der Bescheid ein, daß die Einreise in die Schweiz auch beim Vorliegen aller Dokumente nicht mehr in Frage komme... Jeannette W. und ihr Kind wurden nach dem Osten deportiert. Sie sind von dort nicht mehr zurückgekehrt.

Wir lesen: „Sechs jüdische Flüchtlinge ..., die buchstäblich im letzten Augenblick der Deportation in Belgien hatten entgehen können: Auf abenteuerlichen Wegen, abgehetzt, erschöpft und seit sechs Tagen praktisch ohne rechte Nahrung, waren sie am 28. August 1942 illegal über die französisch-waadtländische Grenze in die Schweiz geflüchtet... Am 29. August 1942 wurden die Flüchtlinge weinend und klagend mit dem Zug an die Grenze gebracht und in der Nähe der Stelle, wo sie Schweizer Boden betreten hatten, wieder zurückgeschickt.“

Der Schweizer, der solche Zeilen zur Kenntnis nimmt, ist nicht sehr stolz darauf, Schweizer zu sein. Und der Fremde, der sie zu Gesicht bekommt, wird erschrocken das idyllische Bild revidieren, das er von der helfenden, humanitären Schweiz vielleicht bisher besaß. Auf der Landesausstellung in Zürich im Jahre 1939 war zwar auf einer Inschrift der stolze Satz zu lesen gewesen: „Die Schweiz als Zufluchtsort Vertriebener, das ist unsere edle Tradition. Das ist nicht nur unser Dank an die Welt für den jahrhundertelangen Frieden, sondern auch besonderes Anerkennen der großen Werte, die uns der heimatlose Flüchtling von jeher gebracht hat. 61

Die Wirklichkeit allerdings sah wenige Wochen später schon anders aus: Eine von Furcht, administrativer Engstirnigkeit und heimlichem Antisemitismus inspirierte hartherzige, restriktive Politik brachte es während des Zweiten Weltkrieges fertig, daß Zehntausenden von politischen Flüchtlingen, hauptsächlich Juden, die Einreise in die Schweiz verweigert wurde. Tausende der Unglücklichen gingen dann in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern zugrunde.

Häsler, ein weltaufgeschlossener, weitgereister Schweizer, geht ausführlich den Gründen der offiziellen schweizerischen Flüchtlingspolitik nach. Als engagierter Schriftsteller und Journalist widersteht er allerdings der Versuchung nicht, vereinfachend alle Verantwortung auf ein Motiv zurückzuführen, alle Schuld einem Mann in die Schuhe zu schieben.

Der Mann: Dr. Heinrich Rothmund, damals Chef der eidgenössischen Polizeiabteilung, der zweifellos „der falsche Beamte am falschen Platz zur falschen Zeit“ gewesen ist.