Edmund Silberner: Moses Hess. Geschichte seines Lebens. Verlag E. J. Brill, Leiden; 690 S. 74,60 DM

Der Kommunistenrabbi – so nannten ihn seine Freunde und amüsierten sich köstlich über den bizarren Mann mit den brennenden Augen und dem hahnengleich vorstoßenden Hals, der, mit sich selbst und aller Welt überworfen, wie ein Schatten des Gewissens über ihren Zusammenkünften lagerte. Dabei war er es, der ihnen die Botschaft des Sozialismus (oder wie man damals noch allgemein sagte: Kommunismus) aus Frankreich über die Grenze gebracht hatte. Der Grabstein auf dem jüdischen Friedhof zu Deutz am Rhein, der wie ein Wunder der Naziwut entging, kündet es: „Vater der deutschen Sozialdemokratie.“ Denn das war er, Moses Hess, der erste deutsche Sozialist. Nicht Marx, nicht Engels oder Lassalle.

Das Grab allerdings ist leer. Die Überreste wurden im Jahre 1961 exhumiert und nach Israel überführt. Denn Moses Hess war auch der erste Zionist. Nicht Theodor Herzl. All das und viel mehr hat diese Biographie einer allzu schnell vergessenden Gegenwart wieder in Erinnerung gerufen.

Der Verfasser, Professor für Sozialgeschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, ist auch in Deutschland bekannt durch sein aufregendes Buch „Sozialisten und Judenfrage“ (1962 im Colloquium-Verlag Berlin). Sein Held – Moses Hess – (geboren 1812 in Bonn als Sohn strenggläubiger jüdischer Eltern, gestorben 1875 in Paris) war sich seiner Apostelrolle durchaus bewußt. Es widerspricht seiner Prophetennatur keineswegs, daß er eine Prostituierte heiratete, und zwar direkt aus dem Bordell von Köln weg, in dem sie angeblich erst fünf Tage verbracht hatte. Er folgte darin nur, ob bewußt oder unbewußt tut nichts zur Sache, dem Beispiel von Jesajas und Hosea, wie ja überhaupt die Sünderin zum Heiligen gehört wie der Schatten zur Substanz.

Die lebenslustige Rheinländerin nahm es mit der Ehe nicht so genau wie mit dem Sozialismus. Zu ihren Verehrern gehörte auch Friedrich Engels, der sie Hess nicht gönnte und auf ihn sein Leben lang eifersüchtig blieb, während sich die Vielumworbene immer wieder mit ihrem Mann auszusöhnen verstand. Dabei war es obendrein auch noch Hess, der Engels zum Sozialisten bekehrt und Marx mit dem Sozialismus bekannt gemacht hatte. Wobei allerdings der Schüler den Lehrer bald überflügelte. Marx war, nur allzu oft wird es vergessen, anfänglich gar kein Sozialist, sondern ein Bürgerlich-Radikaler.

Es war die Zeit des Völkerfrühlings, Deutsche und Juden lagen einander in den Armen. Daß es mit dieser Verbrüderung nicht ganz geheuer war, sollte der junge Hess am eigenen Leibe erfahren. Als sich die Tore des Gettos geöffnet hatten, komponierte er in einer Aufwallung patriotischer Dankbarkeit eine Melodie zu Nikolaus Beckers „Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein“. Der Dichter lehnte das Werk höflich ab, konnte es sich aber nicht versagen, auf der Rückseite des Briefumschlags die Worte „Du bist ein Jud!“ anzubringen.

Das Buch selbst ist eine Fundgrube für die Frühgeschichte des deutschen Sozialismus und ein Unikum seiner Art. Die Biographie gehört zu den schwersten Literaturgattungen (mehr darüber bei Benedetto Croce nachzulesen), und Silberners Hess-Biographie verstößt gegen alle Regeln der Kunst, ohne deswegen an Wert zu verlieren. Der Autor ist von seinem Helden fasziniert, bekennt sich auch ohne Umschweife zu ihm, schon im allerersten Satz. Das kompliziert seine Aufgabe ungemein, denn der Historiker möchte doch gern „objektiv“ bleiben. Also versucht er, ohne blasiert zu erscheinen, so teilnahmslos als möglich zu bleiben.