Paul Hindemith: „Kammermusik Nr. 3 (Cellokonzert) op. 36,2“ und „Nobilissima Visione“; Siegfried Palm (Cello), Mitglieder des Südwestfunk-Sinfonieorchesters, Leitung: Ernest Bour, Dresdner Philharmonie, Leitung: Heinz Bongartz; Wergo 60027, 29,– DM.

Deutlicher kann man, mit einer Koppelung nur zweier Werke, fast schon nicht mehr zeigen, wie Paul Hindemith sich nach und nach zurückzog auf gesichertes Terrain. Das Cellokonzert, eine von vier „Kammermusiken“, die Hindemith 1925 schrieb, ist bereits weit entfernt von der Bürgerschreck-Aggressivität der frühen zwanziger Jahre, allenfalls einige provozierende Linien und Akkordbildungen spiegeln noch etwas von dem wider, was 1922 in Donaueschingen die Hörer schockierte, was damals aber auch schockieren sollte. Statt dessen wird hier brav und gefällig mit motorischem Tempo der Hörer beschäftigt, Spielmusik nannte man den Stil eine Zeitlang, weil er etwas mit barocken Concertogrosso-Formen und mit deren langlaufenden Melodien zu tun hat, obwohl die Stücke zu spielen keine so simple Angelegenheit ist.

Siegfried Palm, Solocellist in Köln, einer der wichtigsten Interpreten neuer Musik, hat erkannt, mit wie wenig Energie Hindemith hier noch gegen den Stachel lockt, und Palm bereitet, zusammen mit Ernest Bour, die alte Kampfeslust noch einmal zusätzlich ein wenig auf, spielt mit aller Härte, man hört die Lust an der Opposition gegen allzuviel Konvention heraus.

Die Rückseite der Platte schließlich zeigt den akkommodierten Hindemith, seine Suite „Nobilissima Visione“, ursprünglich eine Ballettkomposition mit Szenen aus dem Leben des heiligen Franziskus von Assisi, konserviert nur noch Erreichtes, Etabliertes. Heinz Bongartz und die Dresdner Philharmonie spielen das mystifizierende Stück wie hinter einem zusätzlichen Schleier, leise bis allenfalls mezzoforte, selbst die Steigerung im sauber gefugten Finale bleibt auf halber Höhe stehen. Dem in der DDR führenden Orchester hätte ich in der Bundesrepublik ein besseres Aushängeschild gewünscht.

Heinz Josef Herbort