Von Klaus Tuchel

Hat die naturwissenschaftliche und technische Entwicklung der letzten Jahrzehnte das Denken der Menschen in den fortgeschrittenen Industrienationen verändert? Die Standardantwort auf diese Frage heißt: Ja, denn die Erde ist für unsere Erfahrung und unser Bewußtsein kleiner geworden. Die moderne Transport- und Nachrichtentechnik rücken die Völker und Kontinente so nah aneinander, daß wir die gegenseitige Abhängigkeit aller großen wirtschaftlichen und politischen Ereignisse erleben. Das Denken in unserer Zeit muß diese weltweite Interdependenz in Rechnung stellen.

Diese Antwort ist richtig, aber nicht zureichend. Die neuesten Entwicklungen in der Atomphysik, der Raumfahrt, der Kybernetik und der Biotechnik haben den Aktionsradius des Menschen wesentlich erweitert. Insbesondere aber regen die heute hinzugewonnenen Gestaltungsmöglichkeiten die Phantasie der Menschen an, sich die Zukunft vorzustellen.

Der enge Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlich-technischer Entwicklung und zukunftszugewandtem Denken erklärt, warum sich heutzutage nicht nur Künstler und Verfasser utopischer Romane mit dem Kommenden beschäftigen, sondern auch Sozialpsychologen, Soziologen, Politologen, Mediziner, Naturwissenschaftler und Ingenieure, als Vertreter all der Wissenschaftszweige, deren Aktivität in die Zukunft hineinreicht. Die fortgeschrittensten unter ihnen haben die Erforschung der Zukunft auf ihre Fahnen geschrieben.

Welche Möglichkeiten bieten sich an, anders als auf bloß spekulative Weise den Vorhang zu lüften, hinter dem sich die Zukunft unserem Blick verbirgt? Am ehesten läßt sich von Vorhandenem ausgehen, um die erkennbaren Möglichkeiten, Einflüsse und Entwicklungen in die Zukunft hinein zu extrapolieren. Der erste Kongreß für internationale Zukunftsforschung (International Future Research Inaugural Congress), der vom 12. bis 15. September in Oslo 65 Wissenschaftler aus 17 Nationen zusammenführte, ging denn auch von einer intensiven Erörterung der materiellen Quellen und Vorräte sowie der materiellen technischen Entwicklung aus.

Wird die Ernährungsbasis durch eine Verdopplung der landwirtschaftlich genutzten Fläche und durch einen stark gesteigerten Gebrauch von Düngemitteln und Pestiziden so erweitert werden können, daß die anwachsende Erdbevölkerung davon zureichend ernährt werden kann? Wird die Erdbevölkerung erst im Jahre 2003 oder schon 1990 die Zahl von fünf Milliarden erreichen? Wird sich bis 2010 der Prozentsatz der Menschen, die am Rande des Hungers vegetieren, von heute zwölf Prozent auf sechs Prozent haben reduzieren lassen?

Es stimmte zuversichtlich, von dem Kieler Wirtschaftswissenschaftler Professor Fritz Baade und dem Londoner Ingenieurwissenschaftler Dennis Gabor zu hören, daß bei kluger Nutzung aller heute bereits verfügbaren Ernährungsquellen und der zu ihrer Erschließung erforderlichen naturwissenschaftlich-technischen Verfahren alle ernstlichen Ernährungsschwierigkeiten in absehbarer Zukunft, also etwa bis zum Jahr 2000, ihr Ende finden könnten. Aber diese Zuversicht wird in dem Augenblick wieder eingeschränkt, in dem die vielen Faktoren diskutiert werden, von denen die Einführung und Durchsetzung dessen, was den Angehörigen fortgeschrittener Industrienationen „vernünftig“ erscheint, in den Entwicklungsländern abhängt – und es bedarf kaum des Hinweises, daß es auch in den anscheinend so progressiven europäischen und amerikanischen Gesellschaften große Sektoren gibt, die mit der allgemeinen Prosperität noch keineswegs Schritt gehalten haben.