Von Petra Kipphoff

Der Name Edward Gorey hat für manche ZEIT-Leser eine durchaus schicksalhafte Bedeutung: Als sie ihn als Autor und Illustrator einer Geschichte des Titels „Das soeben entjungferte Mädchen“ am 30. Dezember des Jahres 1966 kennenlernten, da beschlossen sie, hinfort keine ZEIT-Leser mehr zu sein. Silvester hin, Silvester her, bei Wörtern wie „Entjungferung“ hört der Scherz auf, da versteht ein Volk, von dessen weiblichen Vertretern ja schließlich noch statistische 40 Prozent des Eheziel unentjungfert erreichen, keinen Spaß. Daß Gorey in diesem Büchlein gerade das parodierte, dessen die Empörten ihn verdächtigten, nämlich die mit detaillierten Schlüpfrigkeiten geladene, wirklich obszöne Literatur – das festzustellen hatten Leute, denen ein Wort zum Anstoßnehmen reicht, keine Zeit.

Nach dem gleichen Schema war Edward Gorey schon einmal zu unerwartetem Ruhm gekommen: 1964 hatte sein Büchlein „Das Geheimnis der Ottomane“ sich durch den Untertitel „Ein pornographisches Werk“ der österreichischen Zensur zur Indizierung empfohlen. „Das gegenständliche Druckwerk“, so hieß es in der Begründung des Verbots der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit im Innenministerium, „das sich selbst als ein pornographisches bezeichnet... ist... geeignet, die sittliche, geistige und gesundheitliche Entwicklung Jugendlicher ... schädlich zu beeinflussen.“ Wieder das gleiche Schauspiel: Der Parodie wird die Realität, die sie parodiert, zum Vorwurf gemacht.

Bei uns wurde Edward Gorey also auf dem Umweg über die Entrüstung zur Kenntnis genommen: Das ist, von dem Mißverständnis einmal abgesehen, bedauerlich zwar, aber nicht erstaunlich.

In England wird Ronald Searle im Taschenbuch vertrieben: Die Zahl derer, die gewillt sind, im Gefolge von Searle sich selber und die Welt doch eher komisch als eindrucksvoll zu finden, muß groß sein, um solche Auflagen zu rechtfertigen.

Bei uns hingegen scheint eine Not in eine Tugend umstilisiert zu werden: Nach den drastischen, komisch pessimistischen Bilderzählungen Wilhelm Buschs und den gezeichneten Bissigkeiten des Simplicissimus kommen wir jetzt beinahe ohne den kritischen Kommentar durch die Zeichnung aus. Wenn es nicht Paul Flora gäbe, könnten wir die ganze Gattung ad acta legen.

Es kommt hinzu, daß das Mißverständnis um Edward Gorey ein doppeltes war. Auch wer Gorey nicht gleich der Pornographie verdächtigt, hätte durch die „Ottomane“ und das „Entjungferte Mädchen“ den Eindruck gewinnen können, daß Goreys Eifer sich vorwiegend auf ein sexuelles Thema konzentriert. Aber das stimmt nicht.