An der Autobahn zwischen München und Augsburg liegt das Dorf Sulzemoos. Es hat 547 Einwohner, eine Kirche, eine Schule und drei Wirtschaften. Die meisten Leute sind Bauern, die ihre Felder im Hügelland hinter dem Dorf bestellen. Ein großer Teil der Wälder in der Umgebung gehört zur gräflich von Hundt’schen Forstverwaltung. Die Entfernung nach München beträgt 29 Kilometer, nach der Kreisstadt Dachau 14 Kilometer. Von den vielen ähnlichen-Dörfern im Dachauer Hügelland unterscheidet es sich hauptsächlich durch eins: ein Flughafenprojekt ist nach ihm benannt: „Standortvariante Sulzemoos des Großflughafens München.“

Die Gefahr, daß Bagger ihre Hügel planierten und Raupen sie niederwalzten, daß die Bäume kilometerlangen Betonpisten wichen, sahen die Sulzemooser eigentlich schon im vorigen Jahr gebannt. Damals schien es ihnen, als seien sie aus der Standortauswahl ausgeschieden und der größtenteils staatliche Hofoldinger Forst an der Autobahn München-Salzburg für den Großflughafen ausersehen. Aber seit der vergangenen Woche trauen sie dem Schein nicht mehr so recht. Sie aktivierten ihre Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr der Flughafenpläne. „Wir werden protestieren bis zum letzten“, sagt Bürgermeister Friedrich Gleiß.

Der Dachauer Landrat Hubert Pestenhofer schrieb dem Ministerpräsidenten Alfons Goppel einen langen Protestbrief: „Die Bestrebungen, den Bau des Münchener Großflughafens im Raum Sulzemoos neuerdings wieder ins Gespräch zu bringen, erfüllen die Bevölkerung des Landkreises Dachau mit Sorge,“ sodann führte der Landrat alles auf, was seiner Ansicht nach gegen das Projekt in Sulzemoos spreche: Zerstörung eines Erholungsgebiets der Münchener, Enteignung von mehreren hundert privaten Grundbesitzern, Schwierigkeiten der Abwässerbeseitigung, Vernichtung von Millionenwerten an Volksvermögen. Schließlich hielt Pestenhofer seinem Ministerpräsidenten auch noch den „Grundgedanken aller Enteignungsgesetze“ unter die Nase: „Vor Inanspruchnahme wertvollen Privateigentums ist der Grundbesitz der öffentlichen Hand für solche Projekte heranzuziehen.“

Auch der Dachauer Bürgermeister Lorenz Reitmeier griff zur Feder: „45 000 Menschen wären durch den Flugplatz unerträglich belästigt und gefährdet.“ In Sulzemoos werde das Projekt zudem gewaltige Summen verschlingen, weil die Geländeschwierigkeiten enorm seien und ein Bahnanschluß fehle. Reitmeier empfahl Goppel, den Flugplatz in ein dünner besiedeltes Gelände zu legen.

Der Krieg der Gutachter

Schuld an der Briefflut aus Richtung Dachau ist ein anderer Briefschreiber, nämlich der Münchener Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel. Er hatte die bayerische Staatsregierung jüngst um Bemühungen in Richtung Sulzemoos gebeten. Vogel sagte, er habe dies getan, weil ihm ein anderer Flughafenstandort aus Gründen, die mit der Münchener Wasserversorgung zusammenhängen, bedenklich erschien: Hofolding.

Hofolding liegt unweit der Autobahn München–Salzburg, 28 Kilometer von München entfernt, mitten in dem nach dem Ort benannten Hofoldinger Forst, einem etwa 40 Quadratkilometer großen Gebiet, größtenteils von Fichten bewachsen und größtenteils im Besitz des Freistaates Bayern. In der Landesplanungsstelle bei der Regierung von Oberbayern läuft zur Zeit ein sogenanntes Raumordnungsverfahren, in dem bis zum Jahresende geprüft werden soll, ob sich der Forst als Standort des Flughafenprojekts eignet. Über 100 Gutachten und Stellungnahmen – von Wasserwirtschaftlern bis zu Bürgermeistern – werden dabei berücksichtigt. Das Flugplatzprojekt, auf das sich das Raumordnungsverfahren bezieht, sieht so aus: Zwei Hauptstartbahnen mit Längen von 4000 bis 4200 Metern; später Ausbau von zwei weiteren Bahnen, Platzbedarf rund 2000 Hektar.