Von Karl-Heinz Wocker

Offiziere, die später in den diplomatischen Dienst treten und als verdiente Staatsbürger zu Lords des Oberhauses ernannt werden, sind in England keine Seltenheit. Jahrhundertelang war dies eine klassische Karriere, neben dem ererbten Herzogtum oder dem Oxford/Cambridge-Einstieg ins Foreign Office der beste Zugang zu jener Elite, die das Land zu führen hatte. Wäre Lord Chalfont, Englands Unterhändler in Brüssel, nichts als ein Stabsoffizier gewesen, bevor er nach Whitehall und Westminster kam, so läge seine Laufbahn durchaus im Rahmen der Tradition. Aber es genügt hinzuzufügen, daß er mehrere Jahre als Journalist für die „Times“ arbeitete, Mitglied der Labour Party ist und italienische Barockmusik liebt – und schon erkennt man die Andersartigkeit dieses mehr zeitgenössischen Typs. Vor 50 Jahren hätte ein Mann seines Standes in der „Times“ höchstens Leserbriefe geschrieben, als politische Neigung wären allenfalls die Tories in Betracht gekommen, und Musik war lediglich zu Paradezwecken bekannt, sonst aber nicht.

Der ungewöhnliche Mann paßt in sein ungewöhnliches Amt. Lord Chalfont hat einen Sonderauftrag, der sich an Waghalsigkeit durchaus mit Kommandos alter Soldatentage vergleichen läßt, etwa der Verteidigung eines Forts durch zehn Mann gegen ein ganzes Regiment. Das gelingt entweder, und man ist ein Held, oder aber die daheim wetzen die Federn und schreiben einen Nachruf. Gelingt Chalfont, was Heath mißlang, dann ist er ein gemachter Politiker, auch wenn er bis zu seinem 45. Lebensjahr nicht wußte, daß er überhaupt je einer werden würde.

Zweimal war Chalfont Gegenstand eines außergewöhnlichen Interesses. 1961 wandte sich der Chefredakteur der „Times“ an den Stabsoffizier und Strategie-Experten und fragte ihn, ob er nicht Journalist werden und über Verteidigung schreiben wolle. Das Angebot reizte ihn, und er schied aus der Armee aus. Drei Jahre genügten, um die Artikel von Alun Gwynne-Jones unter die Lektüre der Politiker einzureihen.

Im Oktober 1964 unmittelbar nach dem Wahlsieg der Labour Party kam die zweite unerwartete Offerte. Der neue Premierminister Wilson brauchte einen Abrüstungsminister. Er meinte, ein Verteidigungsfachmann bringe die besten Voraussetzungen dafür mit. Chalfont gesteht, daß er überrascht war. Aber er nahm wiederum an. Das neue Amt brachte freilich eine Schwierigkeit mit sich: alle Minister in Ihrer Majestät Regierung müssen dem Parlament angehören, sei es dem Unterhaus oder dem House of Lords. Da der Kandidat weder Parteimitglied noch gewählter Abgeordneter war, wurde er zum lebenslänglichen Peer ernannt und ins Oberhaus geschickt. Gwynne-Jones nahm von seinem unverkennbar walisischen Bürgernamen Abschied und wählte seinen Titel nach dem kleinen Ort Chalfont St. Giles in Buckinghamshire, wo er lange gelebt hat.

Sein erstes Ministeramt war ein „Unposten“. Jeder Politiker schwört, daß er für die Abrüstung ist, aber niemand will gern den Anfang machen. Kommt aber jemals etwas bei den vielen Konferenzen heraus, so wollen die prestigesüchtigen Regierungschefs selbst allen Ruhm und alles Licht der Fernsehstudios für sich in Anspruch nehmen. Chalfont benutzte die Jahre in Genf zu einem ausgiebigen Studium der diplomatischen Bühne. Daneben blieb ihm genügend Zeit, Heim und Frau im Londoner Chelsea zu besuchen. Genf war eine Saisonbeschäftigung. Und sie lag wie die Kehrseite einer Münze dicht bei seinem Spezialgegenstand, der Verteidigungspolitik. War er auch als Minister in der Lage, sich in der Fachliteratur und unter seinem internationalen Kollegenkreis auf dem laufenden zu halten? „In Genf ja. Wie es in Brüssel wird, muß ich abwarten.“