Willkommen dem „Verräter“?

In den Augen vieler Afrikaner zwischen Atlantik und Indischem Ozean war Hastings Banda damit zum „Verräter“ geworden. Auch in Kenia, zumal in der Oppositionspartei, der KPU, wuchs der Unwille über den bevorstehenden Staatsbesuch des Mannes aus Malawi. Es mußte mit Protestaktionen gerechnet werden. Viele verlangten von der Regierung, Banda auszuladen. Doch Kenyatta blieb bei seinem Entschluß und gab damit vor aller Öffentlichkeit kund, daß er das Vergehen seines Freundes billige. Das war ein unerhörter Vorgang. Er schlug sich damit auf die Seite derer, die für eine Koexistenz auch mit den Gegnern eines unabhängigen, allein von Schwarzen regierten Afrika plädieren. Zum ersten Male hatte sich Kenyatta für diese Politik des „geregelten Nebeneinander“ engagiert. Und dies, so hieß es in den Amtsstuben von Nairobi, sei sein politisches Testament.

Rechtzeitig und mit formaler Korrektheit hatte die KPU Oginga Odingas, des ehemaligen Vizepräsidenten, beim zuständigen Regierungspräsidenten einen Antrag für eine Gegendemonstration zum Besuch Bandas gestellt. Er wurde abgelehnt. Daraufhin verbreiteten sich in Nairobis Straßen die Gerüchte: Kenyattas Feinde würden sich von keinem offiziellen Protestverbot abschrecken lassen; sie würden dem Gast aus Malawi einen Empfang bereiten, den er so bald nicht vergessen werde. Noch wenige Stunden vor seiner Ankunft rechnete die Polizei mit Störaktionen in der Stadt und bei der Messe-Eröffnung. Es wäre zu wüsten, blutigen Schlägereien gekommen. Kenias Ordnungshüter, von englischen Offizieren gedrillt, sind gefürchtet. Sie schlagen schnell, sicher und ohne Federlesen. Nairobis Polizeichef, der zusammen mit Kenyatta und dem vollzähligen Kabinett auf dem Flughafen Embakasi auf Bandas Maschine wartete, klopfte mit der Nilpferdpeitsche lässig in seine Hand: „Die sollen es nur wagen, aufzumucken. Sie werden schon was erleben.“

Tags zuvor war der „Mzee“ Kenyatta in Nairobi eingezogen. Kenyattas Alter wird auf 76 Jahre geschätzt. Als er 1952 wegen angeblicher Beteiligung am Mau-Mau-Aufstand von den Engländern vor Gericht gestellt und zu sieben Jahren Verbannung bestraft wurde, sagte er zur Person aus: „Ich weiß nicht, wann ich geboren wurde.“ Der „große, alte Mann“ ist herzkrank. Die Höhenluft der Hauptstadt macht ihm zu schaffen; daher verbringt er die meiste Zeit in seiner weißen Villa am Strand des Indischen Ozeans, in der Nähe der Hafenstadt Mombassa. Zudem scheut er das Flugzeug. Nach Nairobi fuhr er mit seinem Mercedes 600.

Vor dem schmiedeeisernen Tor des Parlamentes und der von einem Baldachin überspannten Tribüne war eine Ehrengarde des 5. Bataillons der Armee aufmarschiert. Die weißen Handschuhe flogen an die Gewehrkolben, als der Hauptmann befahl: „Präsentieren“. Die Trommler der Musikkapelle kreuzten die Schlegel über die Bärenfellmützen. Ein Offizier auf der Eingangsbrüstung zog die Präsidentenflagge am Mast hoch; das blaue Tuch mit dem stolzierenden Hahn, der ein Beil in seinen Krallen hält, flatterte in dem leichten Wind dieses Frühlingstages. Die vieltausendköpfige Menge brach in emphatischen Jubel aus, dazwischen hörte man die schrillen Schreie ekstatischer Frauen, die ihre bunte Nationaltracht angelegt hatten. Kenyatta fuhr vor und kletterte die Stufen zur Empore hoch. In der rechten Hand schwang er seinen legendären Fliegenwedel, das Zeichen seiner Häuptlingswürde, mit der anderen Hand stützte er sich auf einen reich verzierten Knotenstock. Das Schauspiel konnte beginnen. Nairobi hatte seinen Festtag.

Jomo Kenyatta, ein großer, kräftiger Mann, ist weithin berühmt als begabter Rhetor. Er hat die Gabe, einfach und doch gescheit zu reden; er packt die Massen, indem er auf sie einredet, sich mit ihnen unterhält. – Wichtige Sätze wiederholt er, häufig stellt er seinen Zuhörern Fragen, bringt sie zum Lachen. Kenyatta, der alternde, doch sehr lebendige Volkstribun, versteht es, mit dem Wort umzugehen. Er überzeugt selbst die weißen Farmer.

An diesem Tag feierte er seine Freunde und verwünschte seine Feinde. Über Hastings Banda sagte er: „Er ist mein Bruder. Begrüßt ihn, wie es sich einem Bruder gegenüber geziemt.“ Seine Widersacher warnte er: „Wer es wagen sollte, gegen diesen Besuch zu demonstrieren, den werden wir zerschmettern.“ Zorn lag in seiner Stimme, als er „ausländischen Diplomaten“ vorwarf, im Untergrund gegen ihn zu arbeiten. Seine Kritik richtete sich vor allem gegen die Rotchinesen: „Versucht nicht, unser Volk mit Geld zu korrumpieren. Wir wissen, daß auch hier, unter euch viele sind, die sich wie Prostituierte bezahlen lassen. Die sollen wissen, daß ihre Tage gezählt sind. Wir dulden sie nicht. Die Kenianer haben vergeben, was ihnen in der Vergangenheit angetan wurde, aber sie haben nicht vergessen. Wer das Volk Kenias haßt, der haßt auch seinen Präsidenten.“ Die Menge war begeistert. Kenia, so führt der Vater des Landes fort, habe einen Staat aufgebaut, in dem alle Rassen und Religionen friedlich zusammenleben. Und wieder brachen die Frauen in ihr zustimmendes Gekreisch aus. Kenyatta ist ihr ungekrönter König.