Ein Ärgernis ist Arno Schmidt längst nicht mehr. Nicht daß er aufgehört hätte, Bücher zu veröffentlichen. Alljährlich legt er neue vor – und sie sind geschrieben, wie es die früheren auch waren: mit Schaum vor dem Mund. Nur regen sie niemanden mehr auf. Die Rezensenten besprechen sie kürzer oder ausführlicher, mehr oder sprechen wohlwollend, doch in der Regel oder nachsichtig als streng. Begeisterte Zustimmung gibt es freilich ebensowenig wie entrüstete Ablehnung.

Selbst seine eifrigsten Bewunderer haben sich in den letzten Jahren Zurückhaltung auferlegt: so Alfred Andersch, der sich einst, wenn er auf Arno Schmidt zu sprechen kam, gern der Vokabei „Genie“ bediente, so Helmut Heissenbüttel, der noch 1963 glaubte, Arno Schmidt „in den obersten Rang der deutschen Literatur“ versetzen zu können, so Jürgen Manthey, der 1962 eine Studie über Arno Schmidt in der feierlichen Prophezeiung gipfeln ließ, man werde ihn „einmal zu den großen Manieristen unserer Literatur rechnen, ihn neben (oder nach) Heine, E.T.A. Hoffmann und Benn nennen“. Heute hat offenbar niemand mehr Lust, für oder gegen Arno Schmidt in die Schranken zu treten.

Er selber sehnt sich nach jenen Zeiten zurück, da er ein heftig umstrittener Schriftsteller war und seine Prosa die stärksten Reaktionen auslöste. Bisweilen versucht er, sie noch einmal zu erzwingen – auch mit publizistischen Äußerungen. In seinem Beitrag zum Sammelband „Schwierigkeiten heute die Wahrheit zu schreiben“ heißt es: „‚Der Arbeiter‘ ist doch genausowenig das Maß der Literatur wie ‚Der geistliche Herr‘! Und beiden wäre zu bedeuten, daß es ... gar nicht ‚Das Entscheidende‘ ist, ob ein Schriftsteller Karl Marx besingt oder die Jungfrau Maria – mit welchem Diktum ich es wieder einmal mit sämtlichen Parteien verdorben haben dürfte: au fein!“ Nach diesem Ausruf der Freude beruft sich Schmidt auf Goethe: „Ein Kerl, den alle Menschen hassen: Der muß was sein!“

Aber ganz abgesehen davon, daß sich in Schmidts Diktum nichts Provozierendes finden läßt – auch die Kritiker in der DDR wären in diesem Fall bereit, ihm zuzustimmen –, kann er es mit keiner Partei ernsthaft verderben: Man hat sich längst an die in vielen seiner Äußerungen enthaltenen Grobheiten, Überspitzungen und Binsenweisheiten gewöhnt, niemand legt seine Worte auf die Waagschale, niemand will ihm widersprechen.

Gewiß, das 1960 in der DDR erschienene „Deutsche Schriftstellerlexikon von den Anfängen bis zur Gegenwart“ erwähnte ihn überhaupt nicht. Doch schon in der zweiten Ausgabe dieses Lexikons (1961) figurierte Schmidt als „bürgerlich-oppositioneller Schriftsteller, der ... scharf gegen Faschismus, Militarismus und jegliche Art von Religion Stellung nimmt“. Gewiß, das vom katholischen Herder Verlag 1961 herausgegebene Lexikon der „Weltliteratur im 20. Jahrhundert“ zitierte im Artikel über Schmidt eine negative Formulierung von Hans Egon Holthusen. Doch schon in einer Neuausgabe des Lexikons von 1964 wird diese unfreundliche Formulierung weggelassen.

Nein, Arno Schmidt, dem es in den fünfziger Jahren an Widersachern und Feinden nicht mangelte, wird heute weder bekämpft noch gar gehaßt Mittlerweile hat ihn die deutsche literarische Öffentlichkeit anerkannt. In seinem Roman „Das steinerne Herz“ (1956) schrieb er: „Wenn mich die Offiziellen loben: dann iss Zeit aufhören!“ Glücklicherweise steht er nicht zu seinem Wort. Denn unter denen, die ihn schätzen und loben, sind längst auch die Offiziellen.

1964 wurde ihm vom Senat der Stadt Berlinder Fontane-Preis verliehen, 1965 zeichnete ihn der Kulturkreis im Bundesverband der Deutschen Industrie mit seiner „Großen Ehrengabe für Literatur“ aus. Unter den Rezensenten der Werke Schmidts finden sich auch Professoren der Germanistik – so etwa Hans Mayer, so Herbert Singer und Hans Wolffheim. Staatsexamens- und Seminararbeiten, ja auch Dissertationen über Arno Schmidt sind an deutschen Universitäten heute keine Seltenheit mehr. Fast alle wichtigeren erzählenden und essayistischen Werke Schmidts wurden dem Publikum in letzter Zeit ebenfalls in Paperback- und Taschenbuchausgaben zugänglich gemacht. Seine Geschichten und Aufsätze sind in vielen Anthologien und Sammelbänden enthalten. Die Rundfunkanstalten der Bundesrepublik überhäufen ihn geradezu mit Aufträgen, die Verlage mit Übersetzungsangeboten: Man vertraut ihm, wie es recht und billig ist, die bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller von Cooper und Poe bis zu Faulkner an. Natürlich ist Schmidt kein Bestseller-Autor, und er wird es bestimmt nicht werden. Doch inzwischen sind seine Bücher – allein in deutscher Sprache – in einer Auflage von etwa 200 000 Exemplaren verbreitet.