Seelsorger Huntemann ist seinen Amtsbrüdern zu exzentrisch

Bremen

Als der Möbelwagen kam, lag der Pastor fiebernd im Bett. Sein Sinn für Wirkung aber war ungebrochen. „Ich ließ die Möbelpacker das Bett und mich in die Mitte des Zimmers rücken. Als dann im leeren Raum nur noch das Bett und ich übrig waren, erhob ich mich und fuhr in die neue Wohnung. Dort ging es dann in umgekehrter Reihenfolge: das Bett und ich waren zuerst da.“

Dr. Dr. Georg Huntemann, ein Troublemaker unter den evangelischen Theologen in Bremen, hatte den Möbelwagen unfreiwillig freiwillig bestellt. Sein Auszug aus der Jahrhunderte alten Gemeinde von St. Remberti hat in der zu mehr als achtzig Prozent evangelischen Hansestadt heiße Debatten entfesselt und die Frage nach theologischen Lehrmeinungen und kirchlichem Freiheitsverständnis neu belebt.

Der 38 Jahre alte, barttragende Pastor Huntemann bezeichnet sich selbst als einen Gewandelten, „von der modernen Theologie hin zur konservativ-orthodoxen“. Moderne Theologie – sagt er – bedeutet „Auflösung“. „Ich habe mich in der Abkehr von liberalen und modernistischen Denkvoraussetzungen zu der Erkenntnis durchgerungen, daß nur die vorbehaltlose Bindung an die ganze Heilige Schrift Alten und Neuen Testamentes die Basis unseres Christusglaubens sein kann, und daß keine zeitbedingte, also auch keine sogenannte moderne Weltanschauungsform, diesen Heilsweg versperren darf.“ Wenn Huntemann predigt, ist die Kirche überfüllt, wenn er Vorträge hält – über Sex, Satan, Sünde – gibt es in großen Sälen keinen freien Platz. Billy Graham gehört zu seinen Vorbildern.

Gemeinsam mit zwei Amtsbrüdern hat Georg Huntemann zehn Jahre lang bei St. Remberti gewirkt, bei einer Gemeinde, der – so der dienstälteste Remberti-Geistliche – „von ihrer liberalen Tradition her, Lithurgismus und Klerikalismus ein Greuel ist“. Nach Ansicht seines theologischen Gegenspielers hat Huntemann sich vom „Liberalen“ zum „Fundamentalisten“ entwickelt und damit die Gemeinde an den Rand einer „vergiftenden Spaltung“ gebracht.

St. Remberti gehört zu den Riesenunter de 66 Gemeinden einer Kirche, für die es in der Bundesrepublik weder Vorbild noch Nachahmung gibt. Eine verwirrende Fülle von Dissertationen, Kommentaren und Definitionen hat allein in diesem Jahrhundert zu klären versucht, was Bremische Evangelische Kirche ist und zumindest eines bewiesen: Sie ist anders als die andern. Die Autonomie der Gemeinden geht der Kirche von Bremen über alles. Sie ist keine Landeskirche, hat keinen Bischof, dafür aber einen Kirchenausschuß (die Exekutive) und einen Kirchentag (die Legislative). Ihre Verfassung sanktioniert die „unbeschränkte Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit“ der Gemeinden. Unabhängig vom Wohnsitz können sich die Evangelischen in Bremen ihre Gemeinde aussuchen und dies durch Eintritt kundtun. So hat zum Beispiel die Domgemeinde in der entvölkerten City 50 000 Mitglieder, von denen nicht wenige freimütig zugeben, es sei „schmückend“, beim Dom „arbeiten zu lassen“.