Von Alexander Rost

Vielleicht lag’s einfach daran, daß wichtige oder auch nur eindrucksvolle Nachrichten am Sonntag abend spärlich sprießen. Jeder Journalist, auf Tagesaktualität erpicht, erfährt das vierdutzendmal im Jahr: Übers Wochenende passiert nichts; und weil nichts passiert, wird auch Nebensächliches gedruckt oder gesendet. Vielleicht aber war’s Zufall. Da saß, wie der Schichtdienst es befiehlt, kein seminarfrischer, sondern ein nicht mehr ganz junger Redakteur am Desk, an jenem Tisch, an dem entschieden wird, was überhaupt und in welcher Form veröffentlicht wird. Vierzig- und Mehrjährige immerhin horchen heute noch auf, wenn der Name Hans-Joachim Marseille aus der Erinnerung auftaucht. Jedenfalls hat die „Tagesschau“ des Fernsehens am vergangenen Sonntag abend darüber berichtet: Piloten von einst hüben und drüben haben sich getroffen und des Hauptmanns Marseille gedacht. Seine Mutter war dabei. Ein Vierteljahrhundert danach.

Am 30. September 1942, um 10.47 Uhr, war er mit acht Maschinen seiner Staffel gestartet; Auftrag: Hochschutz für Sturzkampfflieger, dann freie Jagd. Man traf keinen Feind und wurde nicht getroffen; aber auf dem Rückflug begann der Motor seiner Maschine zu brennen. Der Sprechfunkverkehr ist später rekonstruiert worden. Marseille meldete: „Von Elbe I (das war sein Code-Name) habe Rauchentwicklung in der Kabine. Ich kann nichts sehen.“ Die anderen schlossen heran, gaben ihm Kurskorrekturen.

Man machte ihm Mut: „Noch drei Minuten bis El Alamein.“ Noch zwei, noch eine... Das von Deutschen besetzte Gebiet war erreicht. Gefangenschaft konnte nicht mehr drohen. Marseille meldete sich ein letztes Mal: „Ich muß jetzt raus!“ Er legte die Messerschmidt-Maschine auf den Rücken. Das Kabinendach flog weg. Der Pilot stürzte heraus. Der Fallschirm öffnete sich nicht. Um 11.36 Uhr war Hans-Joachim Marseille tot. Als er fiel, war er wahrscheinlich schon bewußtlos. Er hatte die Reißleine des Fallschirms nicht mehr ziehen können. Als man die Leiche aus der Wüste barg, stellte man eine breite Wunde quer über der Brust fest, ein Indiz dafür, daß der Körper beim Absprung gegen das Leitwerk des Flugzeuges geprallt war.

Nach Mölders, Galland und Gollob war er der vierte Jagdflieger, der das Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz erhalten hatte. Mit 22 Jahren war er der jüngste Hauptmann der Luftwaffe. Mit 21 Jahren war er noch Oberfähnrich gewesen, „der älteste Oberfähnrich der Luftwaffe“, wie er sich selbst nannte. Er hatte ein schlechtes Führungszeugnis; und darin stand der kuriose Tadel „fliegerische Unzucht“. Er war ein hervorragender Flieger und Schütze. Insgesamt erzielte er 158 Abschüsse.

Während der Panzerschlacht in der Marmarica, am 3. Juni 1942, schoß Hans-Joachim Marseille in elf Minuten sechs Gegner ab. Die „Gelbe 14“, wie man seine Maschine nach ihrer weithin sichtbaren Nummer nannte, erhielt schier legendären Ruf. Ihr Pilot galt als der beste Jagdflieger der Welt. Sein Ruhm wetteiferte mit dem Rang Rommels. Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland berichteten über ihn wie vorher über einen Filmstar, freilich war man um einen hehren Unterton bemüht. Seine „Luftsiege“ wurden gezählt wie die Torschüsse einer Fußballkanone. Man machte Propagandarummel um ihn. Ganz im Zuge einer Starverhimmelung belegte man ihn mit einem besonderen Titel: „Der Stern von Afrika“; irgendein Berichterstatter in einer Propagandakompanie hatte ihn erfunden. Und nach dem Kriege hat man prompt einen Film unter diesem Titel gedreht; ob er dem Leben und Sterben des Hauptmanns Marseille gerecht geworden ist, darüber kann man heftig streiten.

Hans-Joachim Marseille war am 13. Dezember 1919 in Berlin geboren worden. Er war das, was man gern den „Typ des Berliners“ nennt, mag es so nun stimmen oder nicht: er war hellwach, zuweilen „wurstig“, ein bißchen frech, mit einem raschen Mundwerk, ohne besonderen Respekt vor Generalsschulterstücken, aber auch höflich, wenn es sein sollte, diszipliniert in seinem Temperament, vor allem jedoch auf Perfektion erpicht. Auch wer ihn nur flüchtig kennenlernte, fand ihn vom Handschlag an sympathisch. Er hatte nichts Heroenhaftes an sich. Dem Star-Rummel zeigte er die kalte Schulter.