Mit einem Rosa, das bläulich war, fing es vor ungefähr vier Jahren an. Um die Sache nicht beim (deutschen) Namen zu nennen, taufte man sie „shocking-pink“, Schockrosa also. Hätten Modemacher und Kleiderhändler die Farbe lila, hell-lila oder auch nur lilarosa genannt, wären sie damals auf ihrer Ware sitzengeblieben. Denn noch war das Lila für junge Leute unmöglich, war es die Farbe, die alte Damen trugen. Was die Großmütter bevorzugten, war ein viel dunkleres Lila allerdings, das Lila der Veilchen. Aber alles, ob hell oder dunkel, was lila war, hatten deren Kinder schon als „letzten Versuch“ verulkt und radikal von der modischen Farbenliste radiert. Nun, als „shocking-pink“, war es wieder aufgetaucht.

Damit war für Lila die Modeampel auf Grün geschaltet, und seitdem ist Lila in allen Schattierungen noch immer der Bestseller. Längst freilich „schockiert“ es nicht mehr. Eher ist es in der Tracht der Jungen – der Männer und der Frauen – etwas, das man trägt, ein Signum der Anpassung. Wer Lila trägt, kann sicher sein, eben nicht zum Veilchen zu werden. Diese Farbe, so häufig sie zu sehen ist, fällt immer auf. Von keiner anderen, auch nicht vom grellsten Rot, ist das zu behaupten.

Die Masse der Lila-Gekleideten macht einfach die Mode mit. Mode wird manipuliert, wie man weiß. Aber der Erfolg aller Modemacher hängt davon ab, ob Christine, Uwe oder Helga sich von dem, was für sie entworfen wird, versprechen, ihrer idealen Vorstellung von sich selbst näherzukommen. Darüber denken Christine, Uwe und Helga vielleicht nicht nach. Sie reagieren und akzeptieren – oder auch nicht. Sie informieren sich nicht bei den Farbpsychologen.

Was denn symbolisiert das Lila? Welche Rückschlüsse zieht der Farbtester daraus, daß es auf den Straßen von lila Mänteln wimmelt, auf Partys lila Kleider, Schuhe, Haarschleifen und Strümpfe noch immer im grellsten Farbengedränge dominieren und selbst Orange übertrumpfen?

Professor Max Lüscher, ein Psychologe, dessen Farbtests weiten Kreisen bekannt wurden, weil ein Heiratsinstitut sich (wenn auch nicht eben in einer Weise, die der Wissenschaftler uneingeschränkt billigt) seiner Methoden bedient, hat sich mit der Farbe Lila ausführlich beschäftigt: „Je differenzierter und rationaler die Kultur wird, desto weiter entfernt sich der Mensch von der Fähigkeit zur glückseligen Verschmelzung; denn um so mehr wird Violett abgelehnt. Denkt man an die Bevorzugung des Violetts bei Kindern, besonders bei debilen Kindern, und andererseits an die Ablehnung des Violetts der intellektuell kritischen Menschen in unserer Zivilisation, so drängt sich die Seligpreisung der Bergpredigt bei Matthäus 5,3 auf: Selig sind, die da geistig arm sind, denn das Himmelreich ist ihrer.“

„Paßt!“ – könnte dazu der Konfektionshändler sagen. Zwar sind Robby, Sabine und Snobby nicht geistig arm im Sinne des Evangeliums, aber was sie mit aller Gewalt nicht sein wollen, ist intellektuell. Dem Rationalen gilt ihr Kampf, und in Violett, vulgo Lila, sind sie demnach richtig gerüstet.

Lila wird aus Rot und Blau gemischt. Das probiert jedes Kind im ersten Tuschkasten aus. Was Hänschen beim Malen nicht weiß, erklärt Max Lüscher so: „Rot, der Impuls zu erleben und zu erobern, hat ein letztes Ziel: die Beruhigung in der Befriedigung. Rot findet seine Erfüllung im Blau ... Beide, Rot und Blau, wollen die Identifikation, die Einheit, die Verschmelzung als Liebe... Das männliche Rot und das weibliche Blau mischen sich zu Violett.“