Von Manfred Sack

In Selb, gelegen im ostfränkischen Zipfel, unweit den Grenzen zur ČSSR und DDR, ist Ende voriger Woche eine neue Fabrik eröffnet worden: "Rosenthal am Rotbühl", entworfen von TAC, "The Architects Collaborative", verantwortet von Walter Gropius und Senior Associate Alexander Cvijanovic. Es ist nicht die einzige Fabrik, die in diesem Jahre vollendet worden ist, aber es die einzige, von der "man spricht". Das hat seine Gründe; den wichtigsten nennt der Titel des Einweihungsprogramms: "Gropius baut für Rosenthal", – das hat den Tonfall von "... reitet für Deutschland"; ein anderer ist der Name des Eröffnungsredners: Ludwig Erhard; den dritten findet man in jener Abteilung des Porzellan-Konzerns, die sich um "Presse und Information" kümmert. All dies mündet in einen Begriff, den man "Image" zu nennen gelernt hat.

Rosenthal in Selb – das ist eine andere, eine verschönte Welt. Dort gibt’s statt Arbeitern und Angestellten nur Mitarbeiter. Dort wurde auch keine Fabrik gebaut. "Wir brauchen", so notierten die "Rosenthaler", "eine neue Produktionsstätte für unser Porzellan. Fabrik ist ein scheußliches Wort dafür. Fabrik: ein mechanisches Ungeheuer, das Geist und Seele tötet; häßlich und schmutzig. Das wollten wir nicht." Denn: "Wer das Porzellan der Rosenthal Studio-Linie herstellt, der kann nicht morgens seine Maschine anstellen, den Tag stumpf davor verbringen und erst nach Feierabend wieder anfangen zu leben. Walter Gropius baute für uns ein neues Werk ..."

Aus dem mechanischen Ungeheuer wurde sozusagen ein mechanischer Freund. Zwar geht es in diesem Werk mechanisierter als vorher und am Fließband stumpf zu, das ist nun einmal so, aber man hat versucht, den Mitarbeiter "durch geeignete räumliche und sonstige architektonische Mittel anzuregen und seine Leistungsfähigkeit zu steigern".

Was die Sprache bewußt human einfärbt, stellt sich im Werk leibhaftig dar. Mitten in die Fabrik hat Gropius, um die individuellen, bei Porzellanarbeitern schon immer beliebten Blumentöpfe hinauszuwerfen und dennoch zu erhalten, sie also zu neutralisieren, einen mächtigen Supertopf gepflanzt, ein gläsernes Oktogon, das über dem flachen Fabrikdach wie ein Beistift spitz zuläuft und bei exotischem Klima exotische Flora nebst Fauna beherbergt: drei Flamingos, rosarot, durchstapfen gelangweilt die vollklimatisierte grüne Hölle. Von entfernteren Arbeitsplätzen aus wirkt der raumhohe Vogelbauer vor dem bonbonlila gefärbten Hintergrund wie die Pforte zu einem Haremspalast oder eine lästerliche Kathedrale mit dem Etikett "Gute Form". Schönheit der Arbeit, Schönheit des Fortschritts: "Dieses Werk ist auch gebaut als Haus für Menschen." Muß man so etwas sagen? Es ist, als behaupte einer von dem Wasser, das seiner Quelle entspringt, es sei wohl Wasser und kein Wein, aber es sei besser als Wasser und deshalb so gut wie Wein.

Das ist gewiß nicht so sehr das Produkt berechnender Taktik, sondern Bedürfnis und Weltanschauung. Es entspricht dies alles dem Mann, der Rosenthal heißt und zugleich auch "Rosenthal" ist: der Stil, das Gute-Form-Pathos, die Publizität und ihre bestaunenswerte Virtuosität.

Es ist ja alles so schrecklich gut gemeint. Dazu gehört, neben dem lächelnd verbrüdernden Umgangston, die Perfektion der Organisation. Kein Stand der Hannover-Messe genießt einen solchen weit widerhallenden Ruf wie der Rosenthals; keine Firma beherrscht die Geste der kleinen Gabe – eine Vase für Gäste, ein Besteck, drei Likörgläser, eine Bierstange, ein kleines Service für zwei – so sicher; kein Unternehmen kennt die Grenze zur Anbiederung und zur plumpen Werbung so traumwandlerisch sicher wie Rosenthal, diese Fabrik, die nicht von ungefähr hat, was man "eine gute (und fleißige) Presse" nennt. Und in den Studio-Häusern gibt es Versuche, Kunden nicht mit einem "Guten Tag, bitteschön?" zu bedrängen, sondern mit einem "Willkommen, schau’n Sie sich nur um". Keine Firma beherrscht den Umgang mit Menschen so wie Philip Rosenthal und beispielsweise sein einfallsreicher Presseamtsdirektor, und wo der eine nicht mehr ankommt, egal bei welcher sozialen Schicht, zünden die Funken des anderen.