Angesichts antiquierter Novitäten wirkt der Dramatiker Georg Büchner jung. „Dantons Tod“ schloß im Schiller-Theater die Berliner Festwochen ab, die Inszenierung und das Bühnenbild waren einem Gast aus Rumänien, Liviu Ciulei, anvertraut worden.

Hans Dieter Zeidler war ein Danton par excellence: fetter Epikuräer, von der sich überschlagenden Revolution angeekelter Philosoph und ein gereifter Schauspieler, der noch nie so gut war wie jetzt bei seiner Heimkehr nach Berlin. Als er vor dem Tribunal, das Danton verurteilen soll, sich zur zündenden Rhetorik des ehemaligen Volkstribunen aufraffte, brach im Zuschauerraum des Theaters ein Beifallssturm los.

Neben Zeidler bemerkenswert unter mehr als fünfzig Personen: Rolf Henninger als Robespierre und Thomas Holtzmann als St. Just.

Für Zwischentöne wie für Frauen wie für Philosopheme hatte der rumänische Gastregisseur kein rechtes Organ. Wie er den Schlußtext der Lucile spielen ließ, wirkte er unglaublich. Von der poetischen Beichte der Grisette Marion kam nur ein Report über die Rampe. Wenn zwei Männer über eine Pfütze gehen und einer hat plötzlich Angst, er könnte durchbrechen, weil die Erdkruste so dünn sei: ein Dialog unter anderen Straßenszenen, nichts weiter.

Liviu Ciulei ließ auf der Drehscheibe eine ominöse Schräge von etwa 30 Grad kreisen und stellte Bilder mit ihr, das ging schnell vonstatten und erlaubte wechselnde Aspekte ohne historische Dekors; als Bühnenrahmen rundum Blech, auf das gelegentlich mit den Fäusten getrommelt wurde: Das szenische Arrangement war findig organisiert, wenn auch zuweilen auf Kosten der dramaturgischen Logik. Weil ihm Büchners dichterisch genialer Text anscheinend nicht genug hergab, inszenierte der Regisseur Szenen „aus dem Leben“ hinzu – in dem Glauben, so könne Büchner aktualisiert werden.

„Berliner Festwochen“ unterscheiden sich wohltuend von den meisten anderen „Festspielen“: Sie verlaufen als eine normale Veranstaltung der deutschen Hauptstadt. Weder dekorieren die Süßwarengeschäfte ihre Auslagen mit Photos von Dirigenten, noch werben die Textilhändler mit der Garderobe von Festspielkünstlerinnen. Statt dessen macht die „Durchreise“ der Damenoberbekleidungs-Industrie den Festspielgästen, die nicht frühzeitig bestellt haben, die Hotelzimmer streitig. Wenn nun, nach der Rückbesinnung auf die eigenen Möglichkeiten, auch noch die Sache mit der Qualität allenthalben geregelt werden könnte...