Von H. Hannover

Am 17. Juni 1967, morgens um 7.00 Uhr, wurde der seit 1956 in Deutschland lebende koreanische Komponist Isang Yun in seiner Westberliner Wohnung angerufen. Zwei koreanische Herren erbaten seinen Rat in musikalischen Organisationsfragen. Yuns Einladung, nach Spandau zu kommen, lehnten sie ab. Yun fuhr mit seinem Auto zu einem Treffpunkt im Stadtzentrum. Von hier aus rief er seine Frau an, es seien wichtige Besprechungen in Bonn, Rom und Paris zu führen, und die Herren hätten ihn gebeten, gleich mit ihnen abzufliegen. Yuns Auto fand sich Wochen später auf dem Parkplatz des Flughafens Tempelhof, unter der Fußmatte lagen Yuns Führerschein, Zulassung und Garagenschlüssel.

Am 22. Juni erhielt Frau Yun einen Anruf aus der koreanischen Botschaft in Bonn. Ihr Mann sei, wie sie ja wisse, nach Paris gereist, Sie möge einen weiteren Anzug von Yun einpacken und selbst genügend Kleidung mitnehmen, denn sie könne ihren Mann begleiten. Frau Yun verabschiedete sich von ihrem 13 jährigen Sohn und ihrer 17jährigen Tochter, die wegen einer Blinddarmoperation im Waldkrankenhaus in Berlin-Spandau lag, und flog mittags nach Bonn oder Düsseldorf, wo sie in einem Botschaftswagen abgeholt werden sollte. Am gleichen Tag schrieb sie mit Umschlag der koreanischen Botschaft einen kurzen Brief an ihre beiden Kinder. Sie werde nur einige Tage fort sein, und die Kinder sollten aufeinander aufpassen. Die Grußformel war ungewöhnlich feierlich: „Lebt wohl!“

Wenige Tage später befanden sich Isang Yun und seine Frau in einem Gefängnis in Seoul. Sie waren Opfer jener Entführungsaktion geworden, von der insgesamt 17 in der Bundesrepublik lebende Koreaner betroffen waren. Zehn von ihnen sind noch heute ihrer Freiheit beraubt und erwarten eine Anklage wegen des Vorwurfs, Beziehungen zu nordkoreanischen (also kommunistischen) Stellen unterhalten zu haben mit dem Ziel, eines Tages in Südkorea eine Revolution anzuzetteln. Gegen Isang Yun hat der südkoreanische Generalstaatsanwalt einen Antrag auf Todesstrafe angekündigt, die koreanische Botschaft in Bonn erwartet allerdings nur eine Strafe von zwei bis fünf Jahren Gefängnis. Der Prozeß soll im Januar 1968 beginnen und voraussichtlich ein halbes Jahr dauern.

Wie war es möglich, daß mitten aus einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat Menschen entführt wurden, ohne daß die deutschen Behörden diese Verschleppung verhindern konnten? Der rheinland-pfälzische Innenminister August Wolters sprach offen von „Menschenraub“. Der Gießener CDU-Bundestagsabgeordnete Berthold Martin forderte eine parlamentarische Untersuchung. Der hessische Landtagsabgeordnete Olaf Radke sagte: „Wenn nichts unternommen wird, wird die Bundesrepublik zu einer Bananen-Republik degradiert.“ Der FDP-Bundestagsabgeordnete Dorn forderte notfalls den Abbruch der diplomatischen Beziehungen und setzte hinzu: „Für einen Rechtsstaat kann diese Affäre nicht eher erledigt sein, als bis alle Entführten, was auch immer in ihrer Heimat gegen sie vorgebracht wird, wieder in der Bundesrepublik sind.“

Die Bundesrepublik forderte die Abberufung von drei koreanischen Diplomaten, die mit der Entführungsaffäre im Zusammenhang standen. Sie reisten am 19. Juli aus Bonn ab. Der Generalbundesanwalt zog die bei verschiedenen Staatsanwaltschaften geführten Ermittlungsverfahren an sich. Am 21. Juli berichtete die Tagespresse, daß der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe auf Antrag des Generalbundesanwalts die Haftbefehle gegen die einer Mitwirkung an der Entführung verdächtigten Südkoreaner Kwang II Kim aus Stuttgart und Park aus Walsum außer Vollzug gesetzt habe, da bei dem Stand der Ermittlungen Fluchtverdacht und Verdunkelungsgefahr durch die Erteilung von Auflagen erheblich vermindert sei. Am 31. Juli erklärten die mit den Ermittlungen betrauten Bundesanwälte Kämmerer und Pelchen gegenüber der Presse, daß die Ermittlungen nach den Tätern schwierig und wenig aussichtsreich verliefen. Der Tatverdacht gegen die beiden festgenommenen und wieder auf freien Fuß gesetzten vermutlichen Helfer des koreanischen Geheimdienstes Park (Walsum) und Kim (Stuttgart) haben sich etwas abgeschwächt. Ob es zu einer Anklage wegen Verschleppung kommen werde, sei fraglich. Bundesanwalt Kämmerer erklärte: „Ich bin davon überzeugt, daß es keine sensationellen Neuigkeiten mehr geben wird.“

Die anfängliche Empörung über die Entführungsaffäre ist resigniertem Schweigen gewichen. In Bonn wird neuerdings die Auffassung vertreten, daß eine Entführung, also ein Verstoß gegen deutsche Gesetze, nicht beweisbar sei und niemand Ausländer hindern könne, „freiwillig“ in ihr Land zurückzukehren. Gerade im Interesse der Inhaftierten müsse jede Demonstration in der Öffentlichkeit vermieden werden, um nicht desto härtere Urteile des koreanischen Gerichts zu provozieren. Eine Rückführung vor Beginn des Prozesses wird nicht für möglich gehalten, es bestehe lediglich Aussicht auf einen Gnadenakt nach erfolgter Verurteilung.