Mittwoch, 11. Oktober, 22.50 Uhr, 1. Programm: „20 Jahre Gruppe 47“

Im Fränkischen tagten die Dichter. Drei Tage doubelte das Örtchen Waischenfeld Berlins Romanisches Café. Die Poeten der Gruppe 47 fanden sich in der Pulvermühle zusammen – vom Pulverfaß sprach, mit einem wahrhaft erhellenden lapsus linguae, die bajuwarische Ansagerin. Der SDS hielt die Lunte, verbrannte Springer-Blätter und säte Zwietracht unter den Meistern des Worts.

Parteien, so schien es, hatten sich inmitten der Dichter gebildet, Walser erwähnte dergleichen, während er in blümelnder Rede einen für Hans Werner Richter gepflückten Feldstrauß interpretierte. Erich Fried nahm die Erlanger Demonstranten in Schutz, Grass hingegen deutete, auf Scheiterhaufen verweisend, eher einen SA-Vergleich an: Eigentlich, so erfuhr man aus seinem eigenen Mund, habe er die Unterschrift am Ende der Anti-Springer-Resolution zurückziehen wollen, da der Kollege Lettau (man sagte gern und häufig Kollege in dieser Sendung; das war etwas Neues für mich, das gab’s früher nicht) jenes besagte Manifest den Rebellen habe mitteilen lassen. (Und das mit der Anrede Liebe Genossen.)

Kurzum, es schien Zunder gegeben zu haben in der Pulvermühle, in dieser idyllischen Gegend, wo die Kameramänner so reichlich Gelegenheit fanden, den Dichter-Automobilen das einheimische Federvieh gegenüberzustellen und aus Lyrikerbärten (Eich, so schien mir, stand er wirklich, der Bart, unterstrich er doch den Mandarinenzug seines Gesichts, das Witzig-Weise des chinesischen Mönchs), aus Miniröcken und Gänseschnäbeln, aus aparten Frisuren und dörflichem Fachwerk eine Reihe von Lesebuchbildern zusammenzuschneiden: das Künstlervölkchen und, vom Pfarerr ermahnt, die Gemeinde des Dorfs.

Man sah eine Reihe alter Bekannter: Hildesheimer trug Gepäck und zählte gemeinsam mit Dr. jur. Kluge die Stimmen, Jürgen Becker formulierte nobel-bescheidene Sätze in Kölnischer Mundart, sekundenschnell huschten, Sentenzen austauschend, Joachim Kaiser und Marcel Reich-Ranicki vorbei; auch Lesende wurden gezeigt, Tsakiridis mit der Zigarette zwischen den Fingern, blatthaltend und Verse akzentuierend (diese rauchenden und nicht rauchenden Redner wirken immer befremdlich, in der ersten Reihe errechnen die Kritiker den Zeitpunkt, an dem die Aschenkreise sich lösen und die Finger versengt werden müssen, aber die Lesenden, spüren die Ablenkung nicht). Ein Jammer nur, daß man die vernünftigen Tadler, Höllerer, Kaiser, Ranicki, nicht in Aktion sah, daß die Spitzen und Witzchen, die Thesen und Revokationen nur im Verborgenen blühten und der Zuschauer um das Vergnügen gebracht wurde, die Elogen auf Renate Rasp oder Grassens Abkanzelung, schlecht, schlecht erging es ihm, hört man, auf dem elektrischen Stuhl, mit anschaun zu können. (Dafür sagte dann Becker zweimal dasselbe, und niemand schnitt die Doublette heraus.)

Hans Werner Richter, zum Abschluß, verglich die Stunden in der Pulvermühle mit der legendären Tagung von Niendorf, anno 52, als Celan die Todesfuge, Ilse Aichinger die Spiegelgeschichte und Ingeborg Bachmann die Gestundete Zeit las. Wenn dergleichen tatsächlich auch im Fränkischen zum Vortrag gelangte – wie schade, daß wir es in dieser Sendung nicht hörten. Momos