Josef Czapski: Unmenschliche Erde. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 468 Seiten, 26 DM.

Katyn ist mein Sieg!“ triumphierte Goebbels am 12. April 1943 in seinem Tagebuch. Vom Gesichtspunkt der Propaganda aus hatte er recht. Die mit den Leichen ermordeter jüdischer Kinder gefüllten Gräber an den östlichen Grenzen Polens, die Krematorien und Gaskammern mit Tausenden von Sklaven waren kein vereinzeltes Phänomen mehr. Nun hatte Goebbels endlich Beweise dafür, daß die Russen ähnliche Verbrechen begingen. Die französische Presse, die während der Besatzungszeit erschien, war durch einen Goebbels-Befehl verpflichtet worden, ihre Spalten täglich mit Informationen über Katyn zu füllen. Viele ziehen es heute vor, nicht mehr an die damalige Abhängigkeit zu denken und nicht zu einem Thema zurückzukehren, das in jener Epoche immer wieder in der deutschen Version aufgezwungen wurde.

Dieses Zitat stammt aus einem Aufsatz, mit dem sich der Maler Josef Czapski, Leiter des Vermißtenbüros im Armeestab der polnischen Anders-Armee, schon im Mai 1948 in der sozialistischen Zeitschrift „Gavroche“ exponiert hat. Der Aufsatz, abgedruckt im Anhang dieses Buches, macht die Schwierigkeiten verständlich, denen sich der Verfasser gegenübersieht: In einem Wald nahe der polnischen Stadt Katyn sind 1943 die Leichen von 4143 polnischen Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren exhumiert worden. Eine von Deutschland eingeladene internationale Kommission des Roten Kreuzes bestätigte, daß alle diese Männer im Mai 1940 durch Genickschuß liquidiert worden waren – ein Massenmord also, begangen im Auftrage Stalins.

Es muß für einen ehemaligen Offizier der polnischen Befreiungsarmee, die nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges aus polnischen Kriegsgefangenen der Russen rekrutiert worden ist und später bei Cassino ihre Bewährungsprobe bestanden hat, eine quälende Vorstellung sein, daß die deutschen Leser seines Buches Katyn gegen Auschwitz aufrechnen könnten – nicht, als ob eine Wahrheit nicht so gut wie die andere sei, sondern weil eine so billige Bilanz neue Ressentiments erzeugen würde, statt den Haß zu demonstrieren. Josef Czapski hat sich deshalb nur schwer entschließen können, sein Buch in deutscher Sprache zu veröffentlichen, und ihm ein lesenswertes Nachwort beigegeben, in dem er sich grübelnd mit uns, den unheimlichen Deutschen zwischen Seeckt und Heuß, Stauffenberg und Strauß, auseinandersetzt.

Der Verfasser ist mütterlicherseits ein Österreicher aus Böhmen, der Vater russifizierter Pole, dessen Ahnen sich in Weißrußland angesiedelt hatten; ein Großvater, Friedrich Thun-Hohenstein, repräsentierte die Habsburger in Frankfurt, ein anderer war Vizegouverneur von Sankt Petersburg. Dessen Frau, die Baltin Elisabeth von Meyendorf, hatte auf Josef Czapski einen so starken Einfluß, daß sich noch der Siebzigjährige mit Bewunderung an sie erinnert. Kein Mann des „Ostblocks“ also, sondern ein Europäer, wie jeder Pole, Tscheche, Ungar, Rumäne ein Europäer ist – eine Tatsache, die man in der Bundesrepublik leicht aus den Augen verliert.

In seinem Buch berichtet Czapski, wie nach dem Militärabkommen zwischen Sikorski und Stalin am 14. August 1941 die polnischen Kriegsgefangenen aus den Lagern entlassen werden, damit General Anders eine Befreiungsarmee zusammenstellen kann. Zu dieser Zeit sind die Gefangenen des Lagers Koselsk I bereits in Katyn erschossen, die 3900 Mann eines Lagers Starobjelsk und die 6500 Mann aus Ostaschkow auf andere Weise umgebracht. Es wird eine Vermißtenstelle eingerichtet, die alle polnischen Kriegsgefangenen aus den verschiedenen Lagern aufzuspüren und der neuen Armee zuzuführen, hat, die waffenlos und unter erbärmlichen Verhältnissen dahinvegetiert.

Bei dieser Arbeit bemerkt Czapski, daß aus bestimmten Lagern niemand mehr zu ermitteln ist, ein Rätsel, daß sich erst durch die Exhumierung der Toten von Katyn lösen ließ. Mit Briefen des Generals Anders an die Spitzenfunktionäre des NKWD, an General Reichman und General Schukow, denen die neue polnische Armee anvertraut war, begibt sich Czapski nach Kuibyschew und Moskau, um das Schicksal der Vermißten aufzuklären, doch täuscht man ihn mit Tricks. Die Wahrheit, daß nämlich 14 000 Kriegsgefangene auf Stalins Befehl ermordet worden waren, wäre ihm damals selbst als Verdacht absurd erschienen.