Von Theo Sommer

Das deutsche Volk muß ein Volk von Luftschutzmännern werden! Vor ein paar Jahren waren die stolzen Vorhaben ins Bonner Kraut geschossen. Dreißig Millionen Menschen sollten Zivilschutzausbildung erhalten, Lebensmittelvorräte für vierzehn Tage verlangte das Selbstschutzgesetz in jedem Keller; Schutzräume sollten in allen neuen Häusern eingebaut werden. Die Feuerpatschen-Philosophen führten das große Wort, die Blockwart-Ideologie machte sich in einer wuchernden Apparatur breit. "An alle Haushaltungen" schickte der Bundesinnenminister jene famose Überlebensfibel "Jeder hat eine Chance", die den Bürgern riet, bei Überraschungsangriffen mit Atomwaffen sich im Freien flach auf den Boden zu werfen, die Augen zu schließen und notfalls den Kopf unter die Aktentasche zu stecken (siehe Graphiken).

Inzwischen ist der Bürokratentraum vom Volk im Luftschutzdienst wieder ausgeträumt. Was die nüchterne Vernunft nicht zuwege gebracht hat, der akute Geldmangel hat es vermocht. Letzte Woche stutzte das Bundeskabinett die hochfliegenden Pläne von einst bis zur Unkenntlichkeit zusammen. Selbstschutzausbildung bleibt freiwillig, desgleichen die Bereitstellung von Schutzraumgerät; statt eines Zivilschutzkorps von 200 000 Mann wird es zunächst nur ein winziges Korps von 3000 Mann geben; das Schutzbaugesetz wird wiederum zurückgestellt – diesmal wohl für immer; der Luftschutzhilfsdienst wird in die bestehenden Hilfsorganisationen der Feuerwehr, des Roten Kreuzes und des Technischen Hilfswerkes überführt; Katastrophenschutz, der auch in Friedenszeiten gebraucht wird, steht von nun an im Vordergrund.

Bundesinnenminister Lücke wird den Kopf hängen lassen, aber auch einige Sozialdemokraten, die sich einst von den Oppositionsbänken aus für den Zivilschutz stark gemacht hatten – weil ihre Vorstellungen vom modernen Kriege genauso vorsintflutlich waren wie die des CDU-Ministers. Die Bürger jedoch dürfen froh darüber sein, daß ihnen die Alptraumwelt von Notaborten und Einreißhaken, von Eisernen Rationen, Zwangsausbildung und Schutzraumbauten erspart bleibt, die fruchtbare Juristengehirne sich in einem Taumel von Verwaltungsperfektionismus ausgedacht hatten.

Daß es am Ende so kommen werde, habe ich gehofft, seit ich vor zwei Jahren auf Einladung des an wohlwollender Propaganda interessierten Bundesinnenministeriums das Zivilschutzsystem der Vereinigten Staaten an Ort und Stelle studieren konnte. Ich habe nie eine Zeile darüber geschrieben – zu absurd wirkte die Kunstwelt der Zivilverteidigung, die ich damals zu Gesicht bekam. Was in Kennedys ersten zwei Jahren unversehens an Zivilschutzbegeisterung aufgebüht war (doch von ihm, laut dem Zeugnis seiner Biographen, schon bald belächelt wurde), war bis zum Herbst 1965 längst wieder vergangen. Übriggeblieben war eine Rahmenorganisation, die sich mit ihrer eigenen Propaganda am Leben und bei Laune erhielt; dann ein eindrucksvolles Katastrophenhilfskorps für den Einsatz bei Erdbeben, Großfeuern, Überschwemmungen, mit lückenlosen Nachrichtenverbindungen; schließlich einige Hunderttausend Schilder, die Strahlenschutzräume für 150 Millionen Menschen markieren – 70 Prozent davon allerdings über der Erde, viele im Gebäudekern von Wolkenkratzern, gegen deren Zerstörung durch Druckwirkung sich die Amerikaner gar nicht erst zu schützen versuchen. Das Zivilschutzdenken hatte auch einige bizarre Blüten getrieben; freilich blühten sie nur kurze Zeit, und meist nur auf Papier.

Ich erinnere mich einer Szene in der Katastropheneinsatz-Befehlsstelle der kalifornischen Grafschaft Alameda. Es sprach ein junger Referent über den Zivilschutz des Städtchens Livermore (2700 Einwohner, "Anbaugebiet der besten Weißweine der Welt", "privilegierte Heimstätte dreier Atomforschungsinstitute"). Die Berlinkrise vom Sommer 1961 hatte das Städtchen aufgeschreckt: Es sollten Schutzräume gebaut werden. Wie bringt man die Leute dazu? Indem man die Schutzbauten "friedensverwendungsfähig" macht, als Tanzböden, Volkshochschulsäle, Cafeterias. Wie bewältigt man die auftauchenden Probleme? Wissenschaftlich. Der Referent erklärte die Methode am Modell.

Unter dem Turnhallenboden befinden sich zehn Säle für je 300 Menschen. Für jeden Insassen gibt es ein Pritschenbett, insgesamt zwölf Quadratfuß Platz ("In Hitlers KZ’s: drei Quadratfuß"). Im übrigen ist alles genauestens kalkuliert. Es gibt eine Toilette pro 50 Menschen; Entbindungsstationen (Erwartung: zehn Kinder in zwei Wochen); Isolierzimmer für Geisteskranke (normal: 92 auf 100 000 Einwohner, in Krisenzeiten höher); Vorkehrungen für cadaver disposal (Erwartung: 30 Todesfälle in zwei Wochen, Leichenaufbewahrung in Plastiksäcken, da Tiefkühlung zu teuer, Notwendigkeit der Einbalsamierung wegen Geruchsbelästigung); zwölf Lichtquellen pro Saal; keine Rassentrennung; keine Haustiere; "autoritäre Führung".