Friedrich Heer: Gottes erste Liebe, 2000 Jahre Judentum und Christentum, Genesis des österreichischen Katholiken Adolf Hitler. Bechtle Verlag, München, 1967; 741 Seiten, 48 DM.

Über den Leser der 584 Seiten Text und 128 Seiten Anmerkungen bricht eine Sturmflut an Informationen herein, deren Umfang und Vielfalt sich in dem 27 Seiten starken Namensregister zeigt (das nicht einmal ganz vollständig ist: Abraham a Santa Clara und der evangelische Theologe Paul Althaus erscheinen im Text, nicht aber im Register). Der Inhalt der Informationen ist für die meisten Theologen ein sorgsam gemiedenes Terrain, aber auch für den gebildeten Nichttheologen ein fast unbekanntes Land: die christlichen Wurzeln des Antisemitismus. Es ist darum verständlich, daß die ersten Reaktionen auf das Buch Heers sich so militanter Ausdrücke bedienten wie „geballte Ladung“ oder „zwischen zwei Buchdeckeln eingebundene Atombombe“. Auch wird es kaum gelingen, die grundlegende These des Buches mit gleichen einfachen Gegendarstellungen zu widerlegen, wie es gegenüber Hochhuths „Stellvertreter“ versucht wurde.

Heer zeigt, daß alle anderen Gründe, die zu jenen Exzessen der zwölf Jahre führten, sekundär sind. Der Wunschtraum aller Deutschen und aller Christen wird damit zunichte gemacht. Der Antisemitismus und seine Endlösung sind nicht das Produkt einer pathologischen Minderheit, eine Sumpfblume, die nur in dem überhitzten Klima der Wirtschaftskrise in den frühen dreißiger Jahren gedeihen konnte. Im Gegenteil, was in jenen zwölf Jahren geschah, war nur möglich als das Ergebnis einer nahezu zweitausend Jahre währenden Geschichte des Hasses der Christen gegen die Juden.

Gleich am Anfang begegnet dem Leser diese Beziehung in einer bestürzenden Parallele. Es ist auf den ersten Blick kaum glaubhaft, daß Heer aus einem Buch zitiert, das 1962 in Madrid gedruckt wurde und allen Teilnehmern am II. Vatikanischen Konzil auf den Tisch gelegt wurde: „Die Synagoge war vor nahezu zweitausend Jahren weniger ein Tempel zur Verehrung Gottes, sondern vielmehr das Hauptquartier der gefährlichsten, mächtigsten Verbrecherbande aller Zeiten.“ Aber überzeugend belegt Heer den Zusammenhang zwischen Eichmanns Endlösung und diesem von katholischen Theologen mit Unterstützung eines Kardinals geschriebenen Buch. Eichmann sagte am 12. Juli 1961 zu seiner Verteidigung: „Ich war ein Idealist.“ Im Vorwort jenes spanischen Buches wird versichert, daß es von einer Gruppe von Idealisten verfaßt wurde.

Die Geschichte dieses Hasses wird zuerst sichtbar bei Heiligen und Kirchenvätern wie Chrysostomus, Hieronymus, Augustin und Ambrosius von Mailand, der dem Kaiser Theodosius den Bann androht, weil dieser christliche Brandstifter bestrafen will, die eine Synagoge zerstört haben. „Ich erkläre, daß ich die Synagoge in Brand gesteckt habe!“ sagt der mächtige Kirchenfürst, und der Kaiser muß weichen. Die Geschichte geht weiter mit der Austreibung und Ermordung der Juden von Spanien, die mit der Eroberung durch die Christen beginnt. Sie geht weiter und besudelt zum erstenmal deutschen Boden zur Zeit der Kreuzzüge. Sie hat bisher nicht aufgehört. Der Frankenführer Julius Streicher beruft sich vor dem Nürnberger Gerichtshof auf Martin Luther, und er tut es zu Recht; denn Luthers Schrift gegen die Juden liest sich wie eine Planung der Endlösung. Der katholische Feldbischof Rarkowski kann sich mit gleichem Recht auf Heilige berufen, wenn er in einem Hirtenbrief an seine Soldaten über die Niederwerfung Polens jubelt. Und selbst der seines Widerstandes wegen gepriesene „Löwe von Münster“, Bischof Graf Galen, fehlt in dieser Reihe nicht. Er weigert sich nach der Besetzung, „feindliche“ Journalisten zu empfangen, und klagt in der Osterpredigt 1945, daß sein Herz blute wegen der Niederlage.

Der evangelische Leser wird diese Linie zu ergänzen haben. Neben die Zustimmung der katholischen Bischöfe zur Politik Hitlers tritt für ihn der evangelische Bischof (damals Generalsuperintendent) D. Otto Dibelius, der dem NS-Staat am 12. März 1933 in der Garnisonkirche zu Potsdam den Segen seiner Kirche erteilte. Nicht nur die mit Recht gescholtenen Deutschen Christen mit ihrem „Reichsbischof“ Müller, mit den Bischöfen Hossenfelder und Weidemann hatten sich arrangiert. Auch der hannoversche Landesbischof Marahrens suchte zu vermitteln, und nach dem Kriege fahndete man in der landeskirchlichen Bibliothek in Hamburg vergeblich nach gewissen Schriften des Bischofs Schöffel.

Neben katholischen Theologen, die den Antisemitismus rechtfertigten, sind auch evangelische zu nennen. Musterbeispiel ist der NS-Hoftheologe Wilhelm Stapel, der bereits 1931 feststellte, daß der Antisemitismus für den Christen kein Hindernis bilde, Nationalsozialist zu werden; denn Christus war der Gottessohn und darum „nicht der Sohn eines Juden“. Und nach 1933 muß die „Tatsache“, daß die Juden Christus getötet haben, als Begründung dafür herhalten, daß die evangelische Kirche keine jüdischen Pastoren haben kann. Der Arierparagraph wurde bald – ohne staatlichen Druck! – auch in der evangelischen Kirche eingeführt. Aber selbst daß Juden Christen sind, ist Stapel im Grunde zuwider: „Wer von uns kann sich eines ‚Schauderns‘ bei seinem (eines Judenchristen) Anblick erwehren?“