Von René Drommert

Ein Grabstein mit dem griechisch-orthodoxen Doppelkreuz. Außer dem russisch geschriebenen „Dein Wille geschehe“ („Da budet wolja twoja“) nur knappste Daten über die beiden Toten, Alexej von Jawlensky, den großen Maler der Gruppe „Die Blauen Vier“, und seine Frau Helene.

Und doch gibt der Stein ein paar gute Hinweise. „Dein Wille geschehe“, das läßt nicht nur auf die religiöse Bindung – wenn nicht Jawlenskys, so doch wenigstens seiner Umgebung, seiner Hinterbliebenen schließen, die ihm den Stein setzten. Das Wort wird auch in alter Orthographie geschrieben, das „budet“ hat am Schluß das Härtezeichen: 23 Jahre, nachdem es bei der Reform der Orthographie in der Sowjetunion abgeschafft wurde. Das ist ein kleines Kapitel ohnmächtiger Nichtanerkennung, die noch bis heute ihre Ausläufer hat (dabei ist die heutige Rechtschreibung zwar 1918 eingeführt, aber schon von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften vorbereitet worden). Hier hält man an der alten Schreibweise noch fest – wie an der Religion in einer Epoche des bolschewistischen Atheismus.

Jawlensky ist am Ende mit einem y geschrieben. Heute würde man ein i setzen oder ein ij, ich finde das ij um eine Nuance besser (so auch bei Dostojewskij oder Tschaikowskij). Früher war bei uns y üblich. In Frankreich, England, Amerika ist’s heute noch, dort allerdings gerechtfertigt durch eine stark abweichende sprachliche Situation.

Das y wurde von den russischen Einwanderern in Deutschland gewählt, weil sie sich der Funktion und des Sinnes der Transliteration nicht bewußt waren, oft war auch die verständliche Nachgiebigkeit der Ankömmlinge gegenüber den vermeintlichen Usancen des Gastlandes im Spiel.

Auf Jawlenskys Grabstein in Wiesbaden hat sich das j, welches das y inzwischen zum Teil verdrängt hat, doch schon zur Stelle gemeldet. Im Vornamen Alexej ist’s da. Es ist das gleiche j, das am Ende des Nachnamens nicht steht. Der Grabstein ist in der Transliteration uneinheitlich. Er zeigt mit seiner Überlappung zweier Systeme eine Zeitenwende an.

Neben dieser Uneinheitlichkeit fand ich auf dem Grabstein auch Irrtümer, Fehler.

Der Brockhaus gibt als Jawlenskys Geburtsdatum den 13. März 1864 an, der Grabstein den 26. März 1864. Beide Daten sind falsch.

Der Brockhaus verzeichnet das Geburtsdatum nach dem alten (Julianischen) Kalender, das Todesdatum dagegen nach dem neuen (Gregorianischen) Kalender, der in der UdSSR 1918 eingeführt wurde. Er hätte jedoch entweder beim Geburtsdatum angeben müssen, daß hier eine andere Zeitrechnung zugrunde gelegt wurde als beim Todesdatum – oder, einfacher und besser, gleich auf unsere Zeitmaße umrechnen müssen.

Auf dem Grabstein indessen ist zwar umgerechnet worden, aber falsch. Man hat dieselbe Differenz zwischen dem Julianischen und dem Gregorianischen Kalender zugrunde gelegt wie beim Todesdatum: 13 Tage. Für Daten des 20. Jahrhunderts beträgt die Differenz zwar 13 Tage, für Daten des 19. Jahrhunderts aber nur 12 Tage.

Ist Jawlensky nach „altem Stil“ (Julianischem Kalender) am 13. März geboren, so nach „neuem Stil“ 12 Tage später, das heißt also: am 25. März 1864, nicht am 26. März. Es ist nicht anzunehmen, daß seine Frau ihn, der im 77. Lebensjahr starb, um einen Tag jünger machen wollte... Vielleicht irrte auch nicht sie sich, sondern irgendeine deutsche Paßbehörde. In der zweiten Ausgabe der Großen Sowjetischen Enzyklopädie ist über das Datum nichts zu erfahren: Der Band mit dem Buchstaben „Ja“, erschienen 1957, verzeichnet Jawlensky überhaupt nicht...

Helene von Jawlensky ist 1965 gestorben. Es ist zu vermuten, daß ihr Geburtsdatum (27. Mai 1881) genausowenig stimmt wie Alexejs: daß sie am 26. Mai geboren ist. Falsch ist jedenfalls ihr Mädchenname. „Geb. Nesnakomoff“ ist da zu lesen (was auf deutsch „ein Unbekannter“ heißt).

Im Russischen kann man aus dem Ende des Namens sehr oft erkennen, ob der Namensträger weiblich ist oder männlich. Das weibliche Pendant zu Nesnakomow (diese Transkription ist besser als „Nesnakomoff“) heißt Nesnakomowa. Ebenso heißt ja Swetlana Allilujewa mit Nachnamen Stalina, nicht Stalin. Daß sie oft Stalin genannt wird, kann zweierlei Gründe haben: Entweder weiß man es nicht besser, oder man schreibt es absichtlich falsch, um die Verwandtschaft mit Jossif Wissarionowitsch leicht erkennbar zu machen. Ein a am Ende des Namens wäre Zwar das einzig Richtige, kostete aber die Verleger viel Geld wegen des dadurch verminderten Umsatzes.

Vielleicht haben nicht die Erben bei Helene von Jawlensky als Mädchenname „Nesnakomoff“ angegeben, vielleicht hat sie es selber getan: möglicherweise in allmählicher Akkomodierung an den Sprachstil der Wahlheimat.

Die Irrtümer über ihnen, in Stein gemeißelt, sind für Alexej und Helene (die russisch Jelena heißt) nicht mehr beunruhigend. Aber man sieht, wie schwer es die Historiker oft haben müssen, wenn sogar das ganz Naheliegende und Greifbare, das doch authentisch zu sein scheint, so von Ungenauigkeit und Entstellung bedroht ist.