Miguel Angel Asturias – Seite 1

Von Siegfried Lenz

Vieles entsteht ja unbeabsichtigt. Die United Fruit Company, die heimliche Herrscherin über das lateinische Amerika, dachte gewiß nicht an die Literatur, als sie Präsidenten machte. Doch unter den von ihr gemachten Präsidenten ging es der Literatur seltsamerweise prompt schlechter. Ob es der General Ubico war oder der General Armas: nachdem sie mit Hilfe des Obstes zur Macht gekommen waren, entdeckten sie rasch die Süße des Zuschlagens. Natürlich boten sich viele als Opfer an, doch gegenüber Schriftstellern schien die erfindungsreiche Grausamkeit der Herren besonders treffsicher.

Das mußte auch ein Mann erfahren, der längst zu den bedeutendsten Schriftstellern Südamerikas zählt: der Guatemalteke Miguel Angel Asturias. Für ihn, dessen Roman "Der Herr Präsident" Gabriela Mistral ein Blutreinigungsmittel nannte, hielten die Generale Schreibverbot und Gefängnis bereit, und auch den bittersten und zugleich ehrenvollsten Aufenthalt eines Schriftstellers ersparten sie ihm nicht: das Exil. Bedroht, verfolgt, stumm gemacht, aber unentmutigt die Zuverlässigkeit von Hoffnungen verteidigend, überstand dieser Erzählmeister die unbeabsichtigten Nebenwirkungen, die halt auftraten, sobald sich die United Fruit ihren Mann in Guatemala wählte. Nun hat Asturias, den die Indios zu ihrem Sprecher machten, den Nobelpreis erhalten.

Betrachtet man solch ein Leben, dann muß man sich wieder einmal eingestehen, daß die sinnvollste Tugend eines Schriftstellers der Starrsinn ist; der Starrsinn, mit dem er für seine Überzeugungen eintritt. Alles andere – die Tätigkeiten, die Posten, die Ehrungen oder Schmähungen – ist von musterhafter Vorläufigkeit. Asturias wußte, was ihn erwartete, als er seine Stimme für politische und soziale Gerechtigkeit erhob. Er kannte das Risiko, als er die duldenden Indios aufrief, an eine mögliche Veränderung zu glauben. Ihm waren auch die Empfindlichkeiten und Bedürfnisse der United Fruit Company bekannt. Trotzdem war er bereit, die Folgen seiner Aktivität in Kauf zu nehmen: Er wurde berufen und wieder kaltgestellt, er diente seinem Land als Diplomat und lebte zur Sicherheit seines Landes unter Hausarrest, er wurde verfemt und zu Rate gezogen, mit Mord bedroht und wieder mit diplomatischer Mission betraut..., viele Lagen, wechselnde Tätigkeiten, doch das blieb Asturias in jedem Augenblick: ein Schriftsteller. Und zwar ein Schriftsteller, der die Welt nicht möblieren sondern benennen wollte – im Vertrauen darauf, daß triftige Benennung die Möglichkeit zur Veränderung einschließt. Was er schrieb, entstand mit Notwendigkeit, und die überträgt sich unbedingt auf den Leser.

Der Doktor der Rechte und Professor der Philosophie begann als Übersetzer in Paris. Er übertrug alte Texte der Mayas, legendenhafte Zeugnisse einer Welt, der er sich zugehörig fühlt und von der er sagt, daß er nichts ohne sie wäre. Maya-Welt, indianischer Legendenvorrat, mestizische Schöpfungsangst – durch seine Verwandlungskunst machte Asturias sie zu einer neuen Wirklichkeit, zu einer magischen Wirklichkeit. Der Zuwachs an Welterkenntnis wird bald offenbar. Er zeigt sich etwa darin, daß jeder Existenz eine Doppelrolle zuerkannt wird: der Indianer – im Roman "Die Maismänner" – ist gleichzeitig er selbst und sein Schutztier und kann nur so verstanden werden. Im Roman "Der Herr Präsident" erscheint die Doppelrolle als lebensentscheidende Möglichkeit: Man ist der Welt nur gewachsen, indem man unaufhörlich auf zwei Ebenen denkt, handelt, spielt – auf der öffentlichen und auf der privaten Ebene. Die Schizophrenie ist sozusagen der Dauermieter, der uns lebenslänglich bewohnt.

Die Erfahrung jedoch, die Asturias am dringendsten episch zu beglaubigen versuchte, besteht für ihn darin, daß dieses Leben von zuständigen Dämonen bestimmt oder verwaltet wird, von mehr oder weniger aufgeklärten Zauberern, die die geheimen oder öffentlichen Vollstrecker sind – in der Welt des Dschungels ebenso wie in der Welt der Politik. Sie stehen hinter dem Menschen, sie mischen die Karten, sie ergreifen Partei, und sie sorgen nicht zuletzt dafür, daß er sich ausgiebig ängstigt: "Was einem nicht Angst macht im Leben", schrieb Asturias, "das zählt nicht." Dämonen in vielfacher Art – so zumindest kommt es mir vor – sind das Gegenüber dieses Schriftstellers. Mit seinem Schreiben wehrt er sich gegen sie, wehrt sich, indem er ihre Techniken, Tätigkeiten und Methoden entlarvt.

Wie unterschiedlich Erscheinungsform und Wirkung der Dämonen sind, zeigen die beiden Romane "Die Maismänner" und "Der Herr Präsident", bedauerlicherweise die einzigen Bücher von Asturias, die bisher in deutscher Übersetzung vorliegen.

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In den "Maismännern" sind es rächende Hexer, die gegen alle Giftmörder Fluch und Verderben verhängen, insbesondere gegen die Mörder des großen Gaspar Ilom, der den Auftrag erhalten hat, sozusagen die Reinheit der Schöpfung wiederherzustellen. Die Maya-Indianer glaubten nämlich, daß der Mensch aus Mais gemacht sei und daß der Mais darum niemals zur Handelsware entwertet werden dürfe; da dies aber geschehen ist, tritt Gaspar Ilom auf, um die vergeßlichen Maismänner zu töten. Weil er seinerseits getötet wird, setzen Hexer, Dämonen und zauberkundige Wesen sein Werk fort.

Ihre Mittel? Sie verwandeln Menschen – beispielsweise in einen Felsbrocken – sorgen für quälende Unruhe, arrangieren subtile Unglücksfälle, schlagen mit Zauberspruch und Blendung. Dies, scheint mir, ist die typische Arbeitsweise von Dämonen in halbheidnischem, magischem Glaubensbezirk; ihr Wirken wird zugleich vorgestellt und verschleiert durch eine exotische Bilderflora, durch ein lianenhaft verschlungenes Assoziationsgeflecht. Es ist, so mag man denken, eine aus Legenden vertraute Dämonologie, doch da Asturias die Legende neu in Wirklichkeit übersetzt, begründet er auch die gegenwärtige Angst des Menschen. In einer gleichmütig vegetativen Welt gibt er der Angst ein Bewußtsein und dem Schrecken einen Namen.

Von ganz anderem Schlag sind die Dämonen in Asturias’ Roman "Der Herr Präsident", den er, wie man hört, neunzehnmal umgeschrieben haben soll. Was hier vorgestellt wird, ist ein Modell reinen Schreckens, das Panorama einer südamerikanischen Diktatur. Als Beispiel diente Asturias die Herrschaft des Präsidenten Cabrera von Guatemala, eines Diktators von gewissermaßen erlesener Grausamkeit und einer Tücke, die auf unerwünschte Weise fasziniert. Die Dämonen, die hier die Karten mischen, sind die allgegenwärtigen Diener der Macht und die Spezialisten des Terrors, sie lenken die Geschicke und die Geschichte, die erzählt wird, sie entscheiden sie am Schluß.

Da tötet also Pele, ein streunender Bettler, in einer Nacht einen Obersten und nahen Freund des Präsidenten; der Präsident nimmt diesen Mord zum willkommenen Anlaß, einige einflußreiche Gegner verhaften zu lassen, indem er sie öffentlich mit diesem Mord belastet. Das betrifft besonders den General Canales. Um jedoch einige Spielregeln zu wahren und um einen Prozeß zu vermeiden, wird zwischen dem Präsidenten und seinem Günstling Cara de Angel ausgemacht, daß der General auf der Flucht erschossen werden soll. Der Günstling übernimmt den Fall, doch wider Erwarten gelingt dem General die Flucht, und Cara de Angel verliebt sich in die Tochter des Generals und heiratet sie. Der Präsident quittiert die Handlung seines Favoriten mit entsprechender Tücke: Er schickt Angel offiziell ins Ausland, läßt ihn vor der Grenze festnehmen und in einen unterirdischen Kerker bringen, aus dem es keine Rückkehr gibt. Angels Frau erfährt es nie; ihre Briefe bleiben ohne Antwort, sie zieht sich aufs Land zurück, endet in Krankheit und Wahnsinn.

Die Dämonen, die hier wirksam sind, verfügen zwar über keine bannende Zauberkraft, sie kennen auch nicht das mutabor, das Menschen in Felsen verwandelt, doch sie besitzen Mittel genug, um die Furcht zu bestätigen, mit der man ihnen begegnet. Es sind durch und durch irdische Mittel, die von der plumpesten Folter bis zur elegantesten Brutalität reichen. Die Grausamkeit der Dämonen mutet hier in ihrem Formenreichtum geradezu exotisch an, sie ist so allumfassend, daß die Menschen, die dieser Grausamkeit ausgesetzt sind, oft kaum noch unterscheiden können, ob der Schmerz die Wahrnehmung einer Realität oder die eines Traumes ist. Wie in den vegetativen Niederungen der "Maismänner" gibt es auch hier eine Wirklichkeit auf zwei Ebenen, die Wirklichkeit der Dämonen, die den Menschen in jeder Situation erreichen. Vor ihnen zu fliehen, ist hoffnungslos, sich gegen sie zu empören, kommt einem Todesurteil gleich. Es gibt kein Entrinnen, man muß sich mit ihnen einrichten. Überleben ist zu einem Lotteriespiel geworden.

Freilich, Asturias gibt sich nie damit zufrieden, Personen und Ereignisse mit Sinnlichkeit zu kostümieren, beziehungsweise ihnen dralle Lebenswahrheit zu verschaffen. Immer ist er darauf aus, die magische Qualität einer Sache festzustellen. Und so beschreibt er auch hier eine Tyrannei, die schließlich magische Gewalt hat, die sich in den geringsten Regungen des Bewußtseins, in den Empfindungen und Vorstellungen des Menschen äußert. Mir erscheint dabei der Wert der Symbole, mit denen er die vollkommene Ausbreitung der Gewalt zu bezeichnen versucht, mitunter zu "poetisiert". Etwa wenn er die Allgegenwärtigkeit des Diktators schildert, der sowohl im achtfachen Echo eines Schritts anwesend – ist wie im Flügelschlag, den der Wind vortäuscht, im gekrümmten Schatten der Bäume nicht weniger als im dünnen Schatten der Telegraphendrähte. Was Asturias versucht, ist allerdings deutlich genug: Immer sucht er das Zentrum am Rande, in den Ausläufern des Schreckens, in den Wellenschwingungen, die am weitesten vom Auge des Taifuns entfernt sind. Er versucht, konkretes Unheil in magisches Unheil zu verwandeln – so, daß es auf einmal uns alle betrifft.

Nun, es wird gewiß noch einige Zeit dauern, bis sich die Bedeutung von Asturias’ Werk ganz ermessen läßt, so viel aber ist sicher: Zur Markierung des literarischen Kontinents Südamerika ist sein Name – neben den Namen Mistral, Borges und Neruda – unentbehrlich.

Wie man erfährt, war Asturias, der heute sein Land als Botschafter in Paris vertritt, schon mehrmals als Kandidat für den Nobelpreis vorgeschlagen. Die diesjährige Entscheidung der schwedischen Akademie läßt sich nur als fällige Entscheidung bezeichnen.