Von H. Zahrnt

Im Jahre 1522 – also auf dem Höhepunkt der Reformation, als noch alles möglich schien – schrieb Martin Luther: „Ich bitte, man wollt meines Namens geschweigen und sich nicht lutherisch, sondern Christen heißen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein. So bin ich auch für niemand gekreuzigt. Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, daß man die Kinder Christi sollte mit meinem heillosen Namen nennen? Nicht also, liebe Freunde, laßt uns tilgen die parteiischen Namen und Christen heißen, des Lehre wir haben.“

Mit diesen Worten hat Luther selbst uns eine Regieanweisung erteilt, wie wir das Reformationsjubiläum zu begehen haben. Wir haben nicht Luther zu feiern – Luther, das religiöse Genie, Luther, den Vorkämpfer für moderne Geistesfreiheit, Luther, den ewigen Deutschen, Luther, den Schöpfer der deutschen Schriftsprache, Luther, den Kirchenvater –, sondern wir haben uns durch Luther selbst von der Person an die Sache verweisen zu lassen, um die es Luther gegangen ist.

Die Sache aber, um die es Luther gegangen ist, ist heute umstritten, zum mindesten erscheint sie vielen Zeitgenossen kaum noch verständlich. Im Sommer 1963, auf der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Helsinki, haben Lutheraner aus der ganzen Welt, und zwar Theologen und Nichttheologen versucht, die Rechtfertigungslehre Luthers für unsere Zeit neu auszulegen. Aber sie haben es nicht geschafft. Die Konferenz endete mit einem Fiasko. Kein Lutheraner denkt gern an Helsinki zurück.

So bedeutet das 450jährige Reformationsjubiläum also alles andere als einen Heldengedenktag. Vielmehr stellt es uns vor die selbstkritische Frage, wie wir mit dem Erbe Luthers umzugehen gedenken: ob wir es unverändert hüten wollen wie einen heiligen Fels, oder ob wir es kritisch überprüfen und neu erfassen wollen, damit aus diesem Felsen eines Tages vielleicht auch wieder Wasser fließe für unsere Zeit.

Wir pflegen den Beginn der Reformation auf den 31. Oktober 1517 zu datieren, auf jenen Tag, an dem Martin Luther seine 95 Thesen angeschlagen hat. Früher hat man dies Ereignis gern dramatisch ausgemalt: wie die deutsche Nation schon seit Jahren auf die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg blickte und darauf wartete, daß endlich der unbekannte Augustinermönch Martin Luther mit dem Hammer in der Hand erschiene, um dort seine Thesen anzuschlagen und die römische Kirche zu zerschlagen. Aber so ist es bestimmt nicht gewesen. Abgesehen davon, daß es gegenwärtig in der Forschung umstritten ist, ob Luther seine Thesen überhaupt auf diese Weise bekanntgemacht hat – auf alle Fälle hat die Reformation nicht in der Öffentlichkeit, sondern im Verborgenen begonnen, mit den ganz persönlichen Seelenkämpfen, die der Priestermönch und Theologieprofessor Martin Luther in der Stille seiner Klosterzelle durchzufechten hatte.

Ein Gewissensstachel