Osnabrück

Er war in seiner Jugend ein vorzüglicher Torwart. Die Kicker von VfL Osnabrück lobten seinen sicheren Instinkt, seine blitzschnellen Reaktionen und seine katzenhafte Gewandtheit. Sein Name: Bruno Fabeyer.

Einige Jahre später mußten ihm ein paar tausend Polizeibeamte der Bundesrepublik notgedrungen die gleichen Eigenschaften attestieren, als sie den Schwerverbrecher Bruno Fabeyer jagten. Seine Vereinskameraden bescheinigten ihm absolute Ehrlichkeit: niemals sei auch nur ein Pfennig aus der Garderobe gestohlen worden. Die Polizisten aber jagten einen Bruno Fabeyer, der einige hundert leichte und schwere Diebstähle auf dem Kerbholz hatte, der einen Postbeamten niederschoß, als er bei einem Einbruch gestellt wurde, und der einen Polizeibeamten mit fünf Schüssen tötete, als er ihn festnehmen wollte.

Am 16. November nun wird Deutschlands lang gesuchter Verbrecher in Osnabrück vor dem Richter stehen. Aber nur der Mordversuch an dem Postbeamten Alois Broxtermann, der Mord an dem Polizeiobermeister Heinrich Brüggemann und einige schwere Diebstähle werden verhandelt. Bruno Fabeyer, das steht indessen schon heute außer Frage, wird nie wieder das Zuchthaus verlassen. Seine Laufbahn: Fürsorgeerziehung, Gefängnis, Zuchthaus. Dort hat der jetzt 44jährige die Hälfte seines Lebens verbracht.

Zuletzt erhielt er eine langjährige Zuchthausstrafe und außerdem verhängte das Gericht gegen ihn als gefährlichen Gewohnheitsverbrecher Sicherungsverwahrung. Am 1. August 1965 wurde der sich vorbildlich führende Fabeyer jedoch bedingt aus der Sicherungsverwahrung entlassen. Ehe sich ein Bewährungshelfer seiner annehmen konnte, war Fabeyer wieder untergetaucht. Die Einbruchsserien im Osnabrücker Land rissen nicht ab. Am 29. Dezember 1965 drang Fabeyer in Gretesch bei Osnabrück in das Haus des Postbeamten Broxtermann ein. Als Broxtermann sich dem Einbrecher in den Weg stellte, schoß ihn Fabeyer nieder. Wenn Broxtermann bei dem Prozeß in Osnabrück aussagen muß, wird er wahrscheinlich in den Gerichtssaal getragen werden müssen.

Am 24. Februar 1966 wurde Fabeyer in Meyerhöfen im Kreis Wittlage von einem Gast erkannt, als er dort ein Kotelett verzehrte und ein Glas Bier trank. Ehe der Polizeimeister Heinrich Brüggemann, Vater von vier Kindern, in der Landkneipe erschien, war Fabeyer verschwunden. Ein Gast bot Brüggemann seinen Wagen an und wenige Minuten später stellte der Polizist den Flüchtigen. Wie vorher schon einige Male warf Fabeyer auch dieses Mal sein Fahrrad fort und floh. Der athletisch gebaute Polizeibeamte hatte wenig Mühe, Fabeyer zu stellen. Aber als er seine Hand an Fabeyer legte, zog dieser seine Spezialwaffe: ein abgesägtes und im Schaft verkürztes Kleinkalibergewehr. Fünf Schüsse trafen Brüggemann. Wenige Stunden später war der Polizist tot.

Dann begann die genau ein Jahr dauernde Jagd nach Bruno Fabeyer, die Niedersachsens Innenminister Otto Bennemann als die „langwierigste, teuerste und aufwendigste seit Kriegsende“ bezeichnete. Sie endete am 24. Februar 1967 im Kaufhaus in Kassel, wo Fabeyer von einer Hausfrau erkannt wurde. Auf den Tag genau, ein Jahr nach der teuersten Fahndungsaktion seit Kriegsende, schließen sich die Handschellen um die Handgelenke Fabeyers, und 24 Stunden später sitzt er wieder hinter Zuchthausmauern in Celle.

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Das „Phänomen“ Fabeyer hatte nicht nur der Polizei einige Rätsel aufgegeben. Ein Jahr lang hielt Fabeyer Kompanien und Bataillone von Polizeibeamten in Atem. Was die Polizei fand, waren Fabeyers Waldlager. Manchmal recht komfortabel ausgestattete, geschickt angelegte Verstecke, in denen Süßigkeiten, Konservendosen und Likörflaschen von Fabeyers bevorzugten Lebensmitteln erzählen, und in deren Nähe er mit der Waffe Zielübungen veranstaltete. Sein Fortbewegungsmittel war ein Damenfahrrad, das er blitzschnell fallen ließ, wenn er gestellt wurde. Und so ergab sich ein Bild von Fabeyer als das eines Waldläufers, eines Vagabunden.

Er hatte einen ebenso simplen, wie erfolgreichen Trick. Fabeyer, der stets durch Zeitung genau informiert war, wo ihn die Polizei suchte, machte aus dem Waldläufer einen gut angezogenen Bürger, der seelenruhig im Restaurant aß, der regelmäßig zum Friseur ging und nach seiner Festnahme dem Kriminalbeamten sagte: „Ich durfte ja nicht mehr aussehen wie ein Vagabund, ich mußte geschniegelt und gebügelt gehen.“

Trick Nummer zwei: Der bei etwa 200 Einbrüchen im Jahr finanziell unabhängige Fabeyer benutzte nicht mehr das Fahrrad, sondern die Deutsche Bundesbahn, er benutzte FD-Züge und stieg gelassen auch im Osnabrücker Hauptbahnhof aus, ohne daß in dem gutgekleideten Mann jemand einen Schwerverbrecher vermutet hätte.

Als die Apotheken der Bundesrepublik aufgefordert wurden, auf einen Mann zu achten, der Nervogastrol kauft (Fabeyer leidet an einem nervösen Magenleiden), wechselte er das Medikament. Mit Zahnschmerzen indessen mußte er sich abfinden, denn „dann gibt der mir eine Spritze, und ich bin weg“.

Nur auf eine Annehmlichkeit des Lebens verzichtet Fabeyer: auf Federbett und Matratze. Hotels gehörten zu den Tabus, die sich. Fabeyer selbst auferlegt hatte. „Unter den Tannen war es immer ganz schön warm“, meinte er. Im Zuchthaus in Celle, wo Fabeyer auf seinen Prozeß wartet, verlangte er jedoch eine zweite Unterhose – Zuchthauskälte, wenn auch vielleicht nur psychologisch, ist eben doch weniger leicht zu ertragen.

Der Fall Fabeyer hat mancherlei Aspekte Daß es ihm gelang, genau ein Jahr lang seiner. Verfolgern immer wieder zu entkommen, daß er in Paderborn und München, in Würzburg und Frankfurt, in Northeim und Osnabrück nachgewiesenermaßen mindestens 155 Einbrüche beging, daß er sich nach Österreich und Jugoslawien absetzen konnte, mag noch erklärlich sein. Aber auch der „einsitzende“ Fabeyer gibt Polizei und Justiz Anlaß zum Nachdenken.

Denn Bruno Fabeyer machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, als die Polizisten ihn gestellt hatten:

„Die Polizisten kutschierten mit ihren Autos auf den Straßen herum, ins Gelände gehen sie nicht gern und nachts schlafen sie im Stehen. Sie sind zu langsam. Bis sie ein Gelände umstellt haben, vergehen Stunden und die Lücken sind groß genug, um einen geschickten Mann hindurchschlüpfen zu lassen. Außerdem haben sie Angst zu zweit oder dritt einen Verbrecher zu verfolgen. Sie fühlen sich nur in Kompaniestärke sicher. Polizeihunde haben bei der Verfolgung wenig Sinn, wenn sie an langen Leinen geführt werden und nicht losgelassen werden. Vor denen hatte ich die meiste Angst. Aber sie vollführen einen solchen Krach, daß ich mich immer rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte.“ So Fabeyer. Und auch die ultima ratio der Verbrecherjagd, Hubschrauber nämlich, tut Fabeyer mit einem Lächeln ab. „Einer auf 50 Quadratkilometern, da verliert der seinen Schrecken.“ Als Fabeyer zu Beginn der großen Jagd einmal eingekreist war, versteckte er sich in einer Scheune unter einem Ackerwagen. Zwei Polizisten kamen herein. Einer von ihnen meinte: „Ach, der ist ja doch nicht hier.“ Die beiden gingen. Fabeyer war wieder einmal entwischt.

Fabeyers Kritik an seinen Verfolgern kam übrigens auf eine merkwürdige Art zustande. Eines Tages erschienen Kripobeamte im Zuchthaus Celle mit einem Tonband: „Nun erzähl mal schön alles, Bruno. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Das Band wird weder bei Gericht noch sonstwie verwertet.“ Und Bruno erzählte. Fabeyers Gespräche gerieten dann über die Fachzeitschrift der Kriminalbeamten „Kriminalistik“ doch an die Öffentlichkeit. Den früheren Morddezernenten und jetzigen Chef der Osnabrücker Kripo, Kripo-Oberrat Waldemar Burghard aber, veranlaßte Fabeyers Beichte zu der Feststellung: „Wir sollten darüber nachdenken.“

Fabeyers Schicksal liegt in den Händen des Osnabrücker Strafverteidigers Dr. Hörnschemeyer, der meint, selten einen so zugänglichen, bescheidenen und ruhigen Klienten zu vertreten. Einen – Klienten, der es ablehnt, sich auf seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen und der voll für seine Taten einstehen will. „Als in Kassel plötzlich ein Polizist vor mir stand, zunächst nach meinem Ausweis fragte und mir dann auf den Kopf zusagte: ‚Sie sind Fabeyer‘, wollte ich ihn hochgehen lassen. Als ich dann aber drei weitere Polizisten aus der Küche kommen sah, wußte ich, daß es aus war“, erzählte ihm Fabeyer. Und geschossen hätte er nicht, erklärt er heute. Obwohl er eine Waffe ähnlich der, mit der er den Polizeiobermeister Brüggemann erschoß, im Schulterhalfter unter seinem Jackett trug. Der bis dahin gewaltlose Verbrecher Fabeyer „weiß heute nicht mehr, wie er dazu gekommen ist, den Polizisten zu erschießen, es tut ihm einfach leid“.

Für Anwalt Hörnschemeyer geht es um die Frage Mord oder Totschlag. Am Urteil wird das nichts ändern. Fabeyer wird nie wieder aus dem Zuchthaus kommen. Albert Strotmann