Als die Hippies am Ende des vierten Konzerts die Bühne der Berliner Philharmonie betraten, erreichte die Heiterkeit des heitersten, anregendsten und vergnüglichsten der bisherigen deutschen Jazz-Festivals ihren Höhepunkt. Der vierundzwanzigjährige Vibraphonist Gary Burton, den man als Mitglied des Stan-Getz-Quartetts bei den Berliner Jazztagen vor einem Jahr noch eher für den Kadetten einer US-Militärakademie halten konnte, erschien als orangesamtener San-Francisco-Beatle. Gitarrist Larry Coryell trug einen violett gestreiften Anzug à la Carnaby Street, Bassist Steve Swallow hatte sich für eine Lederjacke entschieden, und der Ornamentenreiche, beige-graue Drei? des Bob-Dylan-mähnigen Schlagzeugers Bobby Moses könnte in Kalkutta gefertigt sein.

So war denn auch ihre Musik: Eine fabelhaft spannungsreiche, jugendlich-frische Mixtur aus Free Jazz und Pop, elektronischen Verstärkern und Rückkopplungs-Effekten, Pantomime und Happening.

Und es stimmt, was Festival-Organisator Joachim E. Berendt vor dem Auftritt dieser Gruppe betonte: Zum erstenmal kommen die wichtigsten Anregungen für eine junge Jazz-Generation aus der populären Musik. Die Grenzen zum avanciertesten Beat sind fließend geworden; der neue Jazz ist nicht nur hipp, er ist Gott sei Dank auch wieder happy.

Dieser Pop-Einfluß setzte, ohne daß dies wohl von den Veranstaltern beabsichtigt war, die stärksten Akzente der diesjährigen Berliner Jazztage am letzten Wochenende. Die jüngsten Beat- und Pop-Melodien sind so gut konstruiert, daß die Jazzmusiker sie mühelos in ihre Repertoires übernehmen können. Selbst der in eine farbenprächtige, handgestrickte Kameltreiberjacke gehüllte Tenorsaxophonist Archie Shepp, dem der Ruf eines verbissenen Black-Power-Propagandisten vorausgeht, improvisierte über den schönen Schlager „The Shadow Of Your Smile“ – freilich nur, um ihn zu zerfetzen und die einzelnen Motivstücke zu einer vehement geblasenen Pop-Art-Collage im avantgardistischen Freistil wieder zusammenzufügen.

Hartgesottene Jazz-Anhänger mögen es Sarah Vaughan übelgenommen haben, daß die „göttliche Sarah“, wie sie drüben genannt wird, mit dem Beatles-Stück „And I Love Him“ begann und es auch später zugunsten neuer Lieder verschmähte, zum tausendsten Mal über abgenutzte Jazz-Standards wie „Lady Be Good“ zu improvisieren. Natürlich beherrscht sie auch den Seat, den Silbensalat Ella Fitzgeralds. Aber ihre Stärke sind doch die Balladen, sind – Ella unvergleichbar – bluesige Pop-Nummern, die sie mit Samtstimme und einer Intonationssicherheit über drei Oktaven hin vorträgt, die in Jazz und Pop schwerlich ihresgleichen hat. Schade, daß die Festival-Planer versäumten, Sarah und Erroll Garner mit dessen „Misty“, dem größten Hit in beider Repertoire, zusammenzuführen.

Garner, der kleine Zauberer eines kulinarischen Jazz-Pianos, neckte sein Publikum – diesmal auf drei Berliner Telephonbüchern sitzend – wie immer mit raffinierten Vexier-Einleitungen, in denen alles vorkommen kann vom Bossa Nova bis Lohengrin. Eine unbegleitete Einleitung im Harlem-Klavierstil der zwanziger Jahre mündet in Cole Porters „Night And Day“, und der Jubel ist groß, wenn man das Thema dann endlich erkennt. Die Spannungsverläufe folgen immer dem gleichen Modell: Erwartung, Aufatmen, swingende Erlösung. Aber es ist jazz for fun, der seine Wirkung niemals verfehlt. Allein der Bongorhythmus, mit dem sich Garner neuerdings durchweg begleiten läßt, gerinnt mitunter zum Klischee.

Zwei weitere Ensembles mit großen Jazz-Namen, derentwegen viele Fans zu den vier Tage lang total ausverkauften Konzerten gekommen sein mögen, enttäuschten. Trompeter Miles Davis, von dem man hört, er habe sich einen Leichtgewichtsboxer angeheuert, um auch auf Tournee nicht auf sein tägliches Boxtraining verzichten zu müssen, sollte statt dessen lieber öfter üben. Seine Combo lieferte kalte Routine ab.