Frankfurt am Main

Der Frankfurter Amtsgerichtsrat Dr. Norbert Pawlik macht Schlagzeilen. Er lehnt es ab, die Beschlagnahme der „Rhodesien-Millionen“ zu bestätigen; er erscheint auf der Buchmesse und kassiert auf dem Stand des Staatsverlages der DDR das berühmt-berüchtigte „Braunbuch“. Die Aufregung hat sich noch nicht gelegt, da kommt die nächste Meldung: „Pawlik zieht jetzt gegen den Sex zu Felde.“ Er hatte eine Verfügung erlassen, aus der November-Nummer des Magazins „Playboy“ zwei Seiten zu entfernen. Frankfurter Gerichtsreporter empfahlen sarkastisch für künftige Fälle schon eine Standard-Überschrift: „Und wieder schlug der Pawlik zu.“

Aber „der Pawlik“ will gar nicht zuschlagen. Er handelt von Amts wegen, wie das Gesetz es befiehlt. Oder besser: Er wendet das Gesetz an, wie er es aus der Verantwortung des unabhängigen Richters für notwendig und richtig hält. Doch das gibt nicht immer Beifall. In Bonn schüttelte man verwirrt den Kopf, als der Frankfurter Amtsrichter Pawlik erklärte, die 2,2 Tonnen druckfrischer rhodesischer Banknoten dürften auf dem Rhein-Main-Flughafen nicht kurz vor dem Start der Transportmaschine beschlagnahmt werden. Ob die Regierung in Salisbury anerkannt sei oder nicht, spiele für den Richter in der Bundesrepublik keine Rolle. Entscheidend sei vielmehr, daß die dortige Regierung faktisch alleinige Staatsgewalt ausübe.

Beim Justizstreit um das Rhodesien-Geld wurde zum erstenmal einer breiten Öffentlichkeit bekannt, daß es in Frankfurt einen Amtsgerichtsrat Norbert Pawlik gibt. Am unglücklichsten darüber war Richter Pawlik selbst. Was man heute „Publicity“ nennt, ist ihm in der Seele zuwider. Aber er konnte sich seinen Platz als Ermittlungsrichter nicht aussuchen. Er sitzt heute im spärlich möblierten Zimmer 91 des Amtsgerichts, wenige Meter von den Eisengittern entfernt, die das Gericht vom Untersuchungsgefängnis trennen, weil es die Geschäftsordnung so gefügt hat.

Die Laufbahn des heute 35 Jahre alten Amtsgerichtsrats unterscheidet sich in keiner Weise von dem Weg, den heute ein junger Jurist hinter sich bringt, der sich entschlossen hat, seine Fähigkeiten der Justiz zur Verfügung zu stellen. Die Berufswahl warf keine Probleme auf: Der Vater war Landgerichtsrat und später Vizepräsident des Frankfurter Oberlandesgerichts. Es war Familientradition, daß Norbert Pawlik Jura studierte. Acht Semester an der Frankfurter Universität, gefolgt von dem üblichen Schicksal des Assessors, der noch keine Planstelle hat und deshalb hin und her geschoben wird. So amtiert Pawlik drei Jahre lang immer dort, wo Not am Mann, wo ein Richter erkrankt oder auf Urlaub war. In Offenbach als Verkehrsstrafrichter, in Usingen oder in Bad Vilbel. So kommt man in der Branche herum und sammelt seine Erfahrungen.

Schließlich sind die ruhelosen Wanderjahre überstanden und Pawlik wird als Amtsrichter in den Justizdienst des Landes Hessen übernommen. Und seine Laufbahn beginnt bald nach der Ernennung mit einer großen Verantwortung: Er wird als Ermittlungsrichter eingeteilt, eine Position, die nicht nur breite juristische Kenntnisse verlangt. Wenn Frauen, in Tränen aufgelöst, vor seinem Schreibtisch sitzen und ihn händeringend bitten, ihren Mann aus der Untersuchungshaft zu entlassen – Situationen, bei denen das Gesetzbuch nicht viel weiterhilft.

„Väterlichen Rat“ bei älteren Kollegen kann er sich kaum holen, denn sein Mit-Haftrichter ist etwa genauso alt wie er. Eine solche Situation erzieht zur Selbständigkeit und zur Entschlußfreudigkeit. Wer auf sich allein angewiesen ist, kommt dann zu dem Standpunkt: Für mich gilt Recht und Gesetz, ob mir das Beifall oder Protest bringt, spielt keine Rolle. Ich mache, was ich für richtig halte. Spekulationen darüber, wie Entscheidungen, aufgenommen werden, haben hier keinen Platz. So reagiert Richter Pawlik auf das Echo, das seine Rhodesien-Entscheidung gefunden hat, seine „Braunbuch“-Aktion und jetzt zu guter Letzt der „Playboy “-Beschluß mit ruhiger Gelassenheit.