Von François Bondy

Seit mehr als vierzig Jahren schreibt „Genet“ ihre Pariser Briefe für den New Yorker, und selbst Pariser und Wahlpariser lesen diese jetzt seltener erscheinenden, aber an Spürsinn für das Neue nicht nachlassenden Korrespondenzen gern, von denen eine Auswahl auf deutsch vorliegt –

Janet Flanner: „Pariser Tagebuch 1945–1965“, aus dem Amerikanischen von Gerhard Vorkampf; Claassen Verlag, Hamburg; 512 S., 25,– DM

Janet Flanner ist nicht nur die Veteranin der Pariser Korrespondenten, sie könnte selber Gegenstand einer Reportage sein, als eine der markantesten Erscheinungen des kosmopolitischen Paris, als Bindeglied zwischen verschiedenen Generationen amerikanischer „expatriate writers“, zwischen Gertrude Stein und Mary McCarthy, zwischen Hemingway und James Jones. Denn heute wie vor dreißig Jahren gibt es amerikanische Schriftsteller – arrivierte und debütierende –, die das linke Ufer der Seine und die Ile Saint Louis dem Greenwich Village vorziehen. Wie Sylvia Beach und Alice Toklas es waren, so ist „Genêt“ ein Stück Legende.

Dabei ist sie die grand old lady, die so viel zu erzählen wüßte, immer noch vor allem eine stille Zuhörerin und von einer alterslosen Art von Schönheit. Ein englischer Kritiker hat von ihr gesagt, sie schreibe ebenso kompetent über Minister Robert Schuman wie über René Char, über die Poujadisten wie über die Kubisten.

Genets Chroniken sind von selbst Geschichte geworden. Da ist die Atmosphäre von 1944, wenn die Nachrichten auf den vierseitigen Zeitungen den Eindruck machen, die Welt sei geschrumpft, und wenn „in der Beratenden Versammlung recht hungrige Abgeordnete Fragen über die Versorgung stellen“. Da ist der Neubeginn einer französischen Innenpolitik – „leider“, schreibt Genet, die alle partei- und parlamentspolitischen Kleinlichkeiten fast so streng beurteilt wie General de Gaulle persönlich; doch gleich folgt eine treffende Bemerkung: „Niemand in Frankreich wagt mehr, sich einen Konservativen zu nennen; aber am anderen Ende fehlt auch eine Partei der Revolution.“ Später, 1953, wird eine Umfrage der Regierung unter den Präfekten, über die sie berichtet, melden, viele Franzosen seien von äußerster Ungeduld beseelt und bereit, einen Führer zu begrüßen, „wenn er ehrlich, brutal und mutig ist“. Wenn aus solcher Stimmung kein Faschismus entstand, sondern ein paternalistisches Regime, das den Parteien und dem Parlament auf längere Sicht ihre Chancen ließ, so wird das nachträglich als ein Glücksfall erscheinen können; man versteht auch besser, wieso die Fünfte Republik noch immer von der Erinnerung an die Vierte zehren kann, deren nicht spektakuläre Leistungen – der Plan Monnet, die europäische Zusammenarbeit – in Genêts Chronik allerdings nicht recht zur Geltung kommen.

Im Januar 1946 vermerkt Genet: „Die ehrerbietigen Presseartikel über de Gaulles Abschied waren von einem heldenhaft elegischen Ton getragen, gerade so, als wäre er immer noch derjenige, der den Stil prägt, und nicht sein jeweiliger Kritiker Bis heute gehört diese Macht de Gaulles über den Stil seiner Gegner zum Bild Frankreichs. Am 12. Januar 1946 notiert Genet: Bei einem Gala der Oper zu Ehren der „Vier Großen“ wurden die Gäste gebeten, Abendtoilette zu tragen, „soweit es ihnen möglich ist“. Damals war das Motiv der Schaufenster des Faubourg Saint Honoré das Laster der Völlerei, symbolisiert durch frische Bananen und Orangen. In solchen Notizen lebt eine Zeit.