Noch vor dem Parteitag war es um einen anderen prominenten Nationaldemokraten zum heftigen Streit gekommen. Der Duisburger Oberstudienrat Dietrich Dehnen, ehemals stellvertretender Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen, hatte Thadden in einer Denkschrift des Verrats und des „Byzantinismus“, „undemokratischer Machenschaften“ und Unterschlagungen bezichtigt. Er wurde sofort wegen „parteischädigenden Verhaltens“ ausgestoßen; ein Gericht erließ gegen ihn eine einstweilige Verfügung. Vergebens versuchten in Hannover Freunde des geschaßten Duisburger Pädagogen, Stimmung gegen den angefeindeten Parteiführer zu machen. Niemand beachtete die Pro-Dehnen-Flugblätter.

Thadden hatte auch keine Not mit der Debatte um das neue Programm, das er mit seinen engsten Gefährten im Eilverfahren ausgearbeitet hatte. Mit Walendys Kritik – „83mal steht ‚muß‘ darin, 21 mal ,sollen‘ und 17mal ‚darf nicht‘ – machte er kurzes Federlesen: „Soll es denn etwa ‚möchte‘ heißen, oder: ‚Es wäre schön, wenn wir die deutsche Einheit hätten?‘“. Die NPD wollte endlich, nach ihrem primitiven Manifest der Gründerjahre und rechtzeitig vor der nächsten Landtagswahl in Baden-Württemberg, einen Leitfaden vorweisen. In 12 Artikeln mit 300 Absätzen enthält er das „Wollen und Sehnen“ der Nationaldemokraten, verkündet als „Aufruf an die deutsche Nation“.

Darin wird die Amerikanisierung der Bundesrepublik gegeißelt, die Verfremdung, die Ordnungslosigkeit, die Selbstzerfleischung, die Auflösung, der Konformismus, die Entmachtung, schleichende Entmündigung und politische Berieselung des Volkes, die Politik des Schuldenmachens. Summa summarum: Wir sind der „Spielball fremder Mächte“. Die Verschwörung der Weisen von Washington bis Moskau ...

Dafür brauchen die Deutschen Selbstbesinnung und eine neue Wertskala, Weltoffenheit und Gesundheit, das Volksbegehren und die Volkswahl des Bundespräsidenten, eine Nationale Energiebehörde und ein Bundeskultusministerium, weniger Richter und für die Bundeswehr einen deutschen Oberbefehl. Thaddens Rezept: die NPD. Sie ist der „organisierte Protest gegen den Ungeist des Materialismus und seiner kulturfeindlichen Folgen. Voraussetzung für die Höherentwicklung des Menschen ist der Idealismus. Ohne Vorbilder und Leitbilder keine höhere menschliche Gesittung“.

Darum muß die „natürliche Bindung an Volk und Vaterland Grundlage aller Erziehung sein“, darum soll die Jugend „körperlich ertüchtigt“ werden, darum soll die Bundeswehr aus der NATO-Integration gelöst und umgerüstet, von Basel bis zu den Seehäfen eine Breitspur-Schnellbahn angelegt, gesunde Familie gefördert, das Sudetenland und Ostdeutschland durch „keine Regierung und keine Partei aufgegeben werden“. Wie Thadden dies alles für Deutschland erreichen will, muß ihm selber ein Rätsel sein. Wie das alles finanziert werden soll, ist ihm gleichgültig: „Es kommt auf die politischen Notwendigkeiten an. Das Geld marschiert erst im zweiten Glied.“

Das NPD-Elaborat ist ein Programm der Illusionen und Phantastereien, wenngleich „demokratischer“ formuliert als das rüde Manifest von 1965, das nicht nur eine Generalamnestie für Kriegsverbrecher verlangte, sondern auch den „zersetzenden Meinungsmonopolen in Fernsehen, Funk und Film“ mit ihrer „gewissenlosen Propaganda“ und ihrem „hemmungslosen Treiben“ die Schuld daran gab, daß „Frauen und Kinder Freiwild für Gewaltverbrecher“ sind.

Doch Adolf von Thadden ist zufrieden: Er wurde gewählt, er hat ein Programm, er hat Thielen überstanden („Wer ist Thielen?“). In den Plastikeimern, in denen am Schluß seines 3. Bundesparteitages die Spenden der Delegierten und Freunde gesammelt wurden, häuften sich wieder die 50-Mark-Scheine. Und weil die Abschlußkundgebung auf einen Sonntag fiel, erscholl Orgelmusik aus den Lautsprechern der Niedersachsenhalle: 20 Minuten Präludium und Fuge in Es-Dur von Johann Sebastian Bach. Das Oberhaupt der Nationaldemokraten hatte das Stück selber ausgesucht. Thadden hat einen Sinn auch für das Feierliche; er weiß, was NPD-Herzen höher schlagen läßt.