Von Otto F. Beer

Man könnte es für ein Stück herbstlicher Folklore halten: sobald in Wien die Blätter fallen, wird der kulturelle Notstand ausgerufen. Er kommt nicht von ungefähr. In diesen Wochen hat das österreichische Parlament das Budget 68 zu beschließen. Weil dies ein Rezessionsbudget ist, gibt es reichlich Abstriche, und weil sich das Kulturbudget zum Streichen besonders gut zu eignen scheint, sind die Eingriffe auf diesem Feld besonders tief.

Für die Bundestheater, den kostbaren Luxusartikel der österreichischen Kultur, bringt dies kritische Entwicklungen. Ihr Budget ist durch gesteigerte Gehälter, Löhne und Pensionen mehr als bisher angespannt. Wenn man also nun sparen soll, bleibt nur der Budgetposten „Sachaufwand“, in den alle Kosten für Neuinszenierungen fallen. Hier reduziert das neue Budget die Gesamtsumme von 113 Millionen Schilling (rund 17 Millionen DM) für das laufende Jahr auf 83 Millionen (etwa 12,7 Millionen DM) im Budget 1968. Ein Abstrich von nahezu fünf Millionen DM muß die drei Bühnen um so härter treffen, als die Saison bereits begonnen hat und selbstverständlich längst vorausgeplant werden mußte.

Im Burgtheater ist es die letzte Spielzeit der Ära Haeussermann, doch ist auch der Beginn der Direktion Paul Hoffmann schon in Mitleidenschaft gezogen. In der Staatsoper blickt man bereits bedrückt auf die Hundertjahrfeier des Hauses am Ring in der übernächsten Saison, für die ein Teil des Festrepertoires schon jetzt erarbeitet werden soll. Und sparen muß man auch an der dritten Bundesbühne, der Volksoper.

Staatsoperndirektor Hilbert sieht sich wenigstens nur auf das Budget des Vorjahres – bei allerdings beträchtlich gestiegenen Personalausgaben – zurückgeworfen. Burgtheaterdirektor Haeussermann spricht von einem Rückschritt auf das Jahr 1962. Fazit: Fünf Neuinszenierungen seiner Abschiedssaison werden fallen, als erste der für den Herbst geplante „Schwejk“ mit Josef Meinrad, als nächste „Cyrano de Bergerac“ mit Boy Gobert. Gefallen ist auch der Plan des Burgtheaters, sich das seinerzeit von Qualtinger und Bronner als Kabarettlokal gestartete Theater am Kärntnertor als Studiobühne anzugliedern.

Nun zerbricht man sich den Kopf, wie man den langjährigen Pachtvertrag wieder lösen könnte. Der Ersatz für diesen Versuch der Burg, ihre Jugendlichkeit zu demonstrieren, besteht darin, daß man nun den bundeseigenen und daher billigen Redoutensaal der Hofburg wieder bespielen will. Man hat auch schon das passende Avantgardestück dafür gefunden: „Ein Glas Wasser“, mit Boy Gobert. Man sieht: die Bundestheater müssen mit Wasser kochen.