In der vorigen Ausgabe der ZEIT hat Annetilde Richter über neue Teste mit Kindern vor dem Fernsehapparat berichtet. Im Zusammenhang damit berichtet sie hier über aufschlußreiche Untersuchungen durch Mediziner.

Immer wieder kommt es zu Meldungen wie: Fernsehen sei schädlich für die kindliche Gesundheit, für Seh- und Hörkraft, für Wirbelsäule oder Zähne (wie britische Zahnärzte ermittelt haben sollen), für das Herz und, letztlich, für die ganze Konstitution.

Wenn das lange Betrachten des Fernsehbildes zum Beispiel Ermüdungserscheinungen beim Auge bewirkt, so erklärt der Baseler Medizinprofessor Friedrich Rintelen, dann vor allem deswegen, weil der Teil des Gesichtsfeldes der beiden Augen, auf dem das Fernsehbild entsteht, sehr klein ist: Er beträgt nur etwa sechs Grad des in der Horizontalen 180 Grad messenden Gesamtgesichtsfeldes. Dadurch kommt es zu einer starren Richtung der Blicklinien – die gleichen Augenmuskeln sind immer in gleichartiger Tätigkeit. Mögliche Folgen: unangenehmes Spannungsgefühl im Auge und in der Augenhöhle, oft verbunden mit Kopfschmerzen. Bei zwei Meter Abstand (die übliche Fernseh-Distanz) ist außerdem eine leichte Konvergenz (Annäherung) der Blick- – linien notwendig – eine Blickrichtung, die wegen kleiner Abweichungen der beiden Augenstellungen zueinander bei manchen Menschen erschwerend wirkt. Viele Kinder bedürfen im übrigen schon früh der Augenkorrektur, was meistens noch nicht erkannt ist. Daß diese Kinder – vor allem bei Übersichtigkeit und Astigmatismus (Stabsichtigkeit) – rascher ermüden und zu nervösen Reaktionen neigen, verwundert nicht; mangelnde Frischluft verstärkt diesen Zustand. Das bedeutet aber keine irreparable Schädigung des Sehorgans.

Auf dem Bildschirm entstehen tatsächlich, wie so oft "befürchtet" wird, ionisierende, genauer: Röntgenstrahlen. Doch genaue Messungen ergaben, daß – selbst bei längeren täglichen Schauzeiten – die sogenannte Toleranzdosis bei weitem nicht erreicht, geschweige denn überschritten wird. Die Strahlenmenge durfte höchstens 20 Prozent der natürlichen Radioaktivität betragen. Röntgenstrahlen hingegen können einem Kind nur in größerer Dosis schaden und nur dann etwa eine Linsentrübung, nämlich grauen Star, hervorrufen.

Auch das "Flimmern" der Fernseh-"Kiste" kann nichts schaden. Um ein "ruhiges" Bild zu haben, muß eine bestimmte Lichtfrequenz, das heißt: Reizfolge der Lichtsignale, die auf die Netzhaut des Auges auftreffen – etwa fünfzig pro Sekunde –, gegeben sein. Wenn Flimmern eintritt, so hängt das unter anderem von der Leuchtdichte auf dem Lichtschirm, von der "Nachleuchtzeit" der fluoreszierenden Substanzen, und vom Standpunkt der belichteten Netzhaut ab, außerdem von Sauerstoffmangel.

Um die Augen zu schonen, wird ein fünffacher, besser noch achtfacher Sitzabstand, gemessen nach der Höhe des Bildschirms, als notwendig erachtet. Das sind rund zwei Meter Abstand bei einem dreiundvierzig Zentimeter hohen Apparat, mindestens 2,65 Meter bei einem Modell von dreiundfünfzig Zentimetern Höhe. Die seitliche Abweichung des Betrachters sollte nicht mehr als sechzig Grad ausmachen, maximal je 1,60 Meter Abweichung von der Bildschirmachse.

Wie denn, so wird oft argumentiert, soll Kindern Fernsehen nicht schaden, wenn Kanarienvögel, Wellensittiche, ja sogar Topfpflanzen in der Nähe des Fernsehers eingehen? Die Antwort ist einfach: Der Tagesrhythmus der Stubenvögel wird durch den verdunkelten Fernsehbetrieb gestört, Lichtentzug und "Mief" lassen tierische und pflanzliche Lebewesen nicht recht gedeihen. Dieselben Faktoren machen sich – selbstverständlich nur auf die Dauer und bei mangelndem Ausgleich – auch auf den strapazierfähigeren menschlichen Organismus, je nach Labilität, bemerkbar: Nur die Fernsehuntugenden, durch Gewohnheit untermauert, bewirken die sogenannten "Fernsehkrankheiten".