Peter Handke trat mit einem gewissen Eklat in der deutschen Literatur auf, vor allem auf der deutschen Bühne. Die in solchen Fällen übliche Begeisterung, die das junge Genie begrüßt, weicht bei den weiteren Veröffentlichungen dann meist einer gedämpfteren Stimmung. Vorsichtige, die überhaupt erst einmal abgewartet haben, um sich der darauf folgenden Meinung anzuschließen, treten mit wägender Miene auf. Das Publikum, zum soundsovielten Male genarrt, winkt müde ab.

Diese unnötige Windmacherei, die ganz allein der Kritik und ihrer enervierenden Wichtigtuerei zur Last gelegt werden muß, hat sich auch Hand- – kes bemächtigt. Der Zeitpunkt ist gekommen, da man sich fragt: Wie hat er’s überstanden?

Weitere „Sprechstücke“ liegen vor, darunter ein ganz erstaunliches über die Kaspar-Hauser-Figur, und der zweite Roman ist bereits verlegt –

Peter Handke: „Der Hausierer“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 204 S., 14,– DM.

Es ist eine Art Untersuchung über den Kriminalroman. Aber der Kriminalfall erscheint hier als Modell, das einer artifiziellen Unordnung, so daß es mehrfach anwendbar wird.

Der Kriminalroman hat schon das Interesse recht illustrer Schriftsteller erregt. Dostojewskij benutzte ihn zur psychologischen und metaphysischen Durchleuchtung des Schuldproblems. Brecht witterte hinter dem Kriminalroman soziologische Motive: Ihm erschien das Verbrechen als eine der letzten Formen des Abenteuers in der industriell-kapitalistischen Gesellschaft und insofern symptomatisch für sie. Alain Robbe-Grillet nahm den Kriminalfall und seine Enthüllungstechnik als eine Parabel für die Suche des Schriftstellers nach der Realität und demonstrierte genau das Gegenteil dessen, was der übliche Kriminalroman zeigt, nämlich, daß die Realität nicht festzustellen sei.

Peter Handke, den ich um des Vergleichs willen, nicht eines von vornherein feststehenden Ranges wegen in der Reihe dieser Autoren nenne, interessiert sich für den Kriminalfall als strukturelles und linguistisches Modell. Handke hat sich mit Wittgensteins Sprachphilosophie befaßt. Unter den jungen deutschen Autoren ist er jemand, der Literatur und Theater benutzt, um die Sprache selbst daraufhin zu untersuchen, „was sie sagt“. In seinen Sprechstücken überantwortet er einen Kosmos von Redewendungen durch alogische Aneinanderreihung und zugleich methodische Zuordnung zu einem Thema (wie „Selbstbezichtigung“, also: Beichte) der komischen Dekouvrierung.