Von Herbert Lazar

Stuttgart, im November

In Berlin demonstriert die junge Linke, in Stuttgart formiert sich die alte Linke. Zum zweitenmal wird in Stuttgart eine Oppositionspartei gegründet, eine Anti-Wehner-Partei. Bei der ersten Parteigründung vor fast sieben Jahren, der Deutschen Friedens-Union, waren die Strukturen recht verschwommen; zu heterogen waren ihre Elemente. Daß sie keine Ersatzpartei der Kommunisten ist, wie jahrelang behauptet worden war, haben zuerst die Kommunisten gemerkt. Bei der neuen Partei ist jegliches Mißverständnis ausgeschlossen: Sie gruppiert sich von vornherein ganz links; ihre Taufpaten sind linke Sozialdemokraten.

Ihre Sprache ist eindeutig: „Nach wie vor geben die großen Konzerne in Wirtschaft und Politik den Ton an... In Baden-Württemberg sind es Abs und Flick, die Beherrscher des Daimler-Benz-Konzerns, sind es die Familie Bosch und andere Großunternehmer, die durch den Fleiß ihrer Arbeiter zu vielfachen Millionären geworden sind. Zusammen mit den Großbanken diktieren sie die Preise und wollen die unumschränkten Herren unserer Wirtschaft sein.“ Die Klassenkampfpartei, die USPD des Jahrgangs 1967, nennt sich „Wahlgemeinschaft der Demokratischen Linken“. Während die Stoßrichtung der DFU bei ihrer Gründung in der Außenpolitik lag, ist die Basis der „Demokratischen Linken“ die Innenpolitik. Während die DFU in erster Linie in den Bundestag drängt, wurde die „Demokratische Linke“ diese Woche im Blick auf die baden-württembergische Landtagswahl am 28. April 1968 gegründet – einem Termin, zu dem die Auseinandersetzungen in der Metallindustrie noch nicht vergessen sein werden.

Das neue linksgesteuerte Modell nützt eine Nische des politischen Marktes aus: Es ist gebaut für enttäuschte Sozialdemokraten, klassenbewußte Gewerkschaftler und oppositionelle Studenten. Es soll die außerparlamentarische Opposition von der Straße und vom Fabriktor weg in den parlamentarischen Innenhof transportieren.

Wem jedes Wort über ein Vehikel zuviel erscheint, dessen Konstruktion erst vor wenigen Wochen beschlossen worden ist, der kennt den Motor nicht. Dieser Motor hat sich seit zwanzig Jahren im Stuttgarter Gemeinderat bewährt: Eugen Eberle, das nützlichste Ärgernis von Stuttgart. Ein Ärgernis für diejenigen, die seine kommunalpolitische Beschlagenheit und Regsamkeit anerkennen, ihm jedoch seine kommunistische Vergangenheit nicht verzeihen können. Aus dieser Vergangenheit macht Eberle keinen Hehl. Seine Aufrichtigkeit kennt keine Rücksicht auf sich selbst.

Während sich mancher seiner Genossen in Frieden und Freundschaft in die restaurative Gesellschaft integriert hat, ist Eberle seiner Überzeugung nicht nur im stillen Kämmerlein treu geblieben. 1933 war der gelernte Werkzeugmacher wegen seiner Zugehörigkeit zur KPD verhaftet worden. 1951 wurde er wegen seiner Zugehörigkeit zur KPD aus dem Hauptvorstand der IG Metall ausgeschlossen und von der Firma Bosch, wo er von 1945 an Betriebsratsvorsitzender war, entlassen. Seitdem verdient er sein Brot als Versicherungsvertreter.